Familie | Wie sich Rollen und Beziehungen nach einem Verlust neu ordnen

Shownotes

Wenn jemand stirbt, hinterlässt er eine Lücke. Das ist so schreiend offensichtlich, dass es kaum auszuhalten ist. Was sich oft subtiler zeigt, ist, dass mit dem Tod des geliebten Menschen auch Rollen und Zuständigkeiten wegbrechen und erstmal unbesetzt sind. Wie ein Verlust das gesamte Familiensystem verändert, warum es dabei oft zu Konflikten kommt und was helfen kann, sich darin zurechtzufinden, darum geht es in dieser Folge von „Weiterleben Weiterlieben". Dabei werfen wir auch einen Blick auf Kinder, deren Rolle nach einem Verlust manchmal überfordernd ist und die deshalb besonderen Schutz brauchen. Impuls für euch: die Familienlandkarte.

Der Tod eines nahestehenden Menschen erschüttert nicht nur das eigene Leben, sondern auch die gesamte Familie: Verantwortlichkeiten werden neu verteilt und Beziehungen verändern sich – manchmal in Richtung unerwarteter Nähe, manchmal in Richtung schmerzhafter Distanz. Dazu kommen unausgesprochene Erwartungen, unterschiedliche Trauerwege, überfordernde Verantwortung und manchmal auch alte Konflikte, die plötzlich aufbrechen. Wie das passiert, warum das so häufig ist und was in diesem Umbruch unterstützen kann, darüber sprechen wir bei „Weiterleben Weiterlieben". Host Lisa und Expertin Uschi Pechlaner erklären, wann neue Rollenverteilungen zur echten Belastung werden, warum Familienmitglieder oft um ganz verschiedene Seiten derselben Person trauern und wie es gelingen kann, trotzdem in Verbindung zu bleiben. Wie immer gibt es zum Abschluss eine hilfreiche Methode an die Hand – diesmal, um sichtbar zu machen, wo man im Familiensystem gerade steht.

MEHR ZUM THEMA

Buchtipp: Florian Rauch, Nicole Rinder & Tita Kern – Wie Kinder trauern

WER WIR SIND

Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit vielen Jahren junge Menschen in einer der schwersten Phasen ihres Lebens – in der Trauer um einen geliebten Menschen. Wir wissen, wovon wir reden, auf professioneller Ebene und aus eigener Erfahrung.

Gastgeberin Lisa arbeitet als systemische Beraterin bei der Stiftung, außerdem ist sie Wissenschaftsjournalistin bei Nerdpol. Zu Gast in dieser Folge ist Uschi Pechlaner, systemische Therapeutin, Trauerbegleiterin und Fachbereichsleitung bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung.

GUT ZU WISSEN

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IM HINTERGRUND

Redaktion: Sonja Schwalb Technik & Sound: Henning Hoffmann-Heyden Förderung: Dieser Podcast wird gefördert durch die Landeshauptstadt München – Münchner Sozialstiftung

Transkript anzeigen

Wenn jemand stirbt, hinterlässt er eine Lücke. Das ist so schreiend offensichtlich, dass es kaum auszuhalten ist. Was sich oft subtiler zeigt, ist, dass der verstorbene Mensch auch Rollen und Zuständigkeiten hinterlässt: weil er derjenige war, der vermittelt hat, wenn es Streit gab, weil er Unbequemes ausgesprochen hat, weil er die emotionale Mitte der Familie war oder weil er sich um alle gekümmert hat. Ein schwerer Verlust verändert nicht nur das eigene Leben – er verändert ein ganzes Familiensystem.

Verantwortlichkeiten, Nähe, Distanz und der Umgang miteinander verschieben sich. Und er richtet die Scheinwerfer auf Unterschiede, die vielleicht schon immer spürbar waren oder vielleicht neu zutage treten angesichts des riesigen Einschnitts. Einer trauert laut, eine schweigt. Einer will reden, eine funktioniert. Einer bricht zusammen, eine übernimmt zu viel.

Alle vermissen dieselbe Person auf völlig verschiedene Weisen. Was das mit einer Familie macht, welche Rollen sich verschieben, welche Erwartungen oft unausgesprochen im Raum stehen und wie man sich darin zurechtfindet – darum geht es heute bei Weiter leben. Weiter lieben.

Ich bin Lisa, Trauerbegleiterin, systemische Beraterin und Journalistin. Heute ist meine Kollegin Uschi Pechlaner bei mir. Wer unsere Folge zum Thema Verbundenheit angehört hat, kennt sie schon. Uschi ist systemische Therapeutin und Trauerbegleiterin bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung. Wir sprechen darüber, wie sich Familiensysteme nach einem Verlust verändern – in den Rollen, in der Kommunikation, in den Beziehungen – und was helfen kann, damit umzugehen.

Wie immer geben wir euch eine konkrete Methode mit, die in dieser Situation vielleicht einen Unterschied machen kann.

Lisa: Hallo Uschi, schön, dass du heute noch mal hier bist.

Uschi: Hallo Lisa, schön, dass ich da sein kann.

Lisa: Uschi, du warst ja schon mal zu Gast in diesem Podcast. Deshalb ist die Einstiegsfrage heute: Was hast du noch über Trauer gelernt? Vielleicht auch in Bezug auf unser Thema heute.

Uschi: Ich glaube, in Bezug auf unser heutiges Thema ist es das, was du einführend schon angesprochen hast: dass Menschen in einer Familie, in einem Familiensystem, sehr unterschiedlich trauern und dass das oft auch eine Herausforderung darstellt – für jeden Einzelnen und für das ganze System zusammen. Wenn das so ist, können daraus Konflikte entstehen, aber genauso gut kann sich das System auch wieder stabilisieren – man kann zusammenfinden. Ich glaube, das Wichtige dabei ist, im Gespräch zu bleiben und die Kommunikation nicht abreißen zu lassen. Dann gibt es immer Wege und Möglichkeiten, sich wieder zusammenzufinden und das Ganze wieder in Balance zu bringen.

Lisa: Vielleicht mal ganz grundlegend: Was würdest du sagen, passiert in einer Familie, wenn jemand stirbt? Systemisch gedacht – klar, da fehlt eine Person, jemand ist weg. Was verändert das?

Uschi: Systemisch betrachtet geht man davon aus, dass alle Mitglieder eines Systems – in unserem Fall einer Familie – wechselseitig und dynamisch miteinander verbunden sind und dass jede Veränderung, wie klein oder wie groß sie auch ist, einen Entwicklungs- und Veränderungsprozess ins gesamte System bringt. Der Tod eines Familienmitglieds ist natürlich eine sehr große Veränderung mit großer Wirkung auf das gesamte System.

Man kann sich das so vorstellen: Es wird in diesem Zusammenhang oft die Metapher des Mobiles verwendet – so ein Mobile, wie man es vielleicht aus dem Kinderzimmer kennt, mit Sonne, Mond und Sternen, alles miteinander verbunden und in einem bestimmten Abstand zueinander. Manche Teile haben mehr Gewicht, andere weniger. Wenn man es anstupst, schaukelt es sich wieder zurecht, bis es zur Ruhe kommt.

Ähnliches passiert, wenn ein Mitglied des Familiensystems verstirbt. Ich möchte die Metapher nicht so weit treiben, dass da ein Teil abgeschnitten wird – der Verstorbene bleibt weiter Teil des Systems, weiter mit ihm verbunden. Aber die Gewichtsverhältnisse verändern sich. Wenn man einen Teil dieses Mobiles in die Hand nehmen würde, reagiert das gesamte Mobile. Alle anderen Mitglieder des Familiensystems sind von dieser Gewichtsverlagerung betroffen und bewegen sich mit. Das braucht Zeit und manchmal auch Unterstützung von außen, um wieder in eine Balance zu kommen – eine Ordnung, in der sich Nähe und Distanz wieder stimmig anfühlen, in der Rollen, Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten so verteilt sind, dass das System miteinander funktionieren kann.

Lisa: Wenn du Familie sagst, meint das natürlich Partner, Partnerinnen, Kinder, Eltern. Aber so wie du das beschreibst, reicht diese Auswirkung auch weiter – also auch Cousins, Cousinen, Onkel, Tanten, Großeltern. Muss man es so groß denken?

Uschi: Jein. Man kann es so groß denken, weil manchmal kann eine Person, die zuvor weiter weg war und eine äußere Rolle im System eingenommen hat, nach einem Verlust eine viel gewichtigere Rolle übernehmen – näher rücken an die betroffene Familie, an die Frau, die ihren Mann verloren hat. Für das Kind, das ein Elternteil verloren hat, kann so eine Person eine wichtige Unterstützung sein und dazu beitragen, dass sich das innere System stabilisiert.

Lisa: Manche Menschen beschreiben, dass sie nach dem Verlust plötzlich Aufgaben und Verantwortlichkeiten übernehmen, die sie nie hatten, vielleicht auch nie haben wollten oder die sich gar nicht richtig anfühlen. Kennst du das aus deiner Arbeit – dass durch diese Verschiebung auch Rollen und Zuständigkeiten entstehen, die nicht nur ungewohnt, sondern auch ungewollt sind?

Uschi: Auf jeden Fall, das passiert ganz oft. Schon allein deshalb, weil ich als hinterbliebene Partnerin Aufgaben und Zuständigkeiten übernehmen muss, die zuvor mein Mann getragen hat und die jetzt zusätzlich auf mich zukommen.

Das ist manchmal nur für eine bestimmte Zeit so, aber zunächst gibt es bei jedem im System den Impuls: Irgendjemand muss es übernehmen, also übernehme ich es, damit das System weiter funktionieren kann – damit wir es erst mal überleben. Diesen Funktionsmodus kennen viele Trauernde, gerade in der ersten Zeit. Aber er gilt auch für das trauernde Familiensystem insgesamt: Wer kann jetzt schnell was übernehmen, damit es erst mal weitergeht?

Dabei passiert es natürlich sehr oft, dass man erst nach einer bestimmten Zeit merkt: Das ist zu viel. Ich kann diese Last, diese Verantwortung nicht tragen, oder ich gerate in einen Rollenkonflikt, weil ich verschiedene Rollen einnehmen soll, die sich vielleicht sogar widersprechen. Dann hat man im Familiensystem aber die Möglichkeit zu schauen: An wen könnte ich etwas abgeben? Wer kann mich da unterstützen? Das neu zu verteilen, das ist das, was ich anfangs mit dem „Zurechtrücken" gemeint habe – zu schauen, was es braucht, damit wir als Familiensystem wieder ein Stück mehr zur Ruhe kommen können.

Darüber hinaus gibt es natürlich noch andere Aspekte, die zu einer Überlastung führen können. Zum Beispiel wenn ich durch den Tod in eine Rolle schlüpfe, die nicht zu meinem Alter passt oder nicht zu meiner Rolle als Kind oder Erwachsener. Wenn Kinder plötzlich Aufgaben übernehmen oder sich für etwas verantwortlich fühlen, was zuvor der verstorbene Elternteil getragen hat – etwa in Bezug auf jüngere Geschwister. Oder weil Kinder das Gefühl haben, dass ihr sicherer Rahmen verloren geht, weil der verbleibende Elternteil so erschüttert ist, dass er nicht mehr für ihre Sicherheit sorgen kann. Dann kann es passieren, dass sie in eine Erwachsenenrolle schlüpfen – oder sogar versuchen, die Rolle des verstorbenen Elternteils zu übernehmen.

Immer wenn es eine solche Verschiebung gibt, lohnt es sich hinzuschauen und sich dessen bewusst zu werden – auch als Elternteil, aber auch als Mitglied des Familiensystems. Manchmal sieht man es von außen deutlicher als von innen. Zu fragen: Passt das noch oder braucht es eine Veränderung? Braucht es einen Impuls, der dem Kind erlaubt, wieder in seine Kinderrolle zurückzukehren, und der gleichzeitig die Erwachsenenrolle stärkt, so dass sich die Kinder wieder sicher fühlen?

Es gibt, glaube ich, noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Es passiert auch ganz oft, dass Betroffene – wenn ein Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin verstirbt und Kinder sowie Großeltern oder Schwiegereltern da sind – einen Rollenrückschritt erleben. Als erwachsene betroffene Person habe ich das Gefühl, meine Bedürftigkeit ist wieder so groß, dass ich meinen Eltern gegenüber wieder in eine Kinderrolle rutsche: Ich bin abhängig davon, dass sie mich mit den Kindern, der Betreuung oder dem Haushalt unterstützen. Dabei kehre ich in ein Muster oder eine Rollenverteilung zurück, aus der ich mich vielleicht schon längst herausentwickelt hatte.

Das kann sowohl der trauernden Partnerin selbst passieren als auch den Großeltern der Kinder – die in dem Moment, wo sie erfahren, dass ihr Schwiegersohn verstorben ist, schnell wieder in eine Elternrolle für die Schwiegertochter oder die eigene Tochter rutschen.

Das passiert sehr oft und ist zunächst gut, weil es eine Ressource ist: sehr hilfreich, mit dem Gefühl von Wirksamkeit verbunden – „Wir schaffen das zusammen". Im weiteren Verlauf kann es aber sein, dass man in dieser Rollenverteilung in alte Muster zurückfällt oder dass es sich irgendwann nicht mehr richtig anfühlt, weil man da eigentlich schon längst heraus war.

Lisa: Wie schafft man es, da wieder herauszukommen oder wieder eine Veränderung reinzubringen? Du hast gesagt, das ist zunächst ein Überlebensmechanismus – der einzelnen Person, aber auch des ganzen Systems –, der aber irgendwann nicht mehr passt.

Uschi: Ich glaube, der erste Schritt ist immer, hinzuschauen und dem eigenen Gefühl zu vertrauen, wenn sich etwas nicht mehr stimmig anfühlt. Und sich bewusst zu sein, dass das ganz normal ist – und dass diese Rollenveschiebungen zunächst auch einen Wert haben. Dann aber gilt es, das anzusprechen. Die eigene Wahrnehmung, das ungute Gefühl, die eigene Beobachtung benennen: „Ich merke, dass sich das jetzt irgendwie komisch anfühlt. Gleichzeitig würdige ich total, dass ihr mich so unterstützt. Aber ich sehe auch, dass es da ein Muster gibt, das ich noch aus meiner Teenagerzeit kenne – und da schlittern wir gerade ab und zu wieder rein."

Meine Erfahrung ist: Wenn man es ansprechen kann, gibt es auf der anderen Seite oft ein Aha-Erlebnis. Die andere Person sagt: „Okay, ja, genau. Ich hatte auch schon das Gefühl, dass da was nicht stimmt, hätte es aber nicht so benennen können." Und im Gespräch darüber gibt es aus meiner Erfahrung heraus immer einen Weg hinaus und die Möglichkeit zu fragen: Wie gehen wir denn damit um?

Lisa: Du hast gerade angedeutet, dass eine große Gefahr ist, dass Kinder in Rollen rutschen, die für sie als Kinder langfristig nicht gesund sind – wo sie zu viel Verantwortung tragen, praktisch oder emotional überlastet werden. Ist das etwas, das die Elternteile, die du begleitest, sehr beschäftigt?

Uschi: Ja, auf jeden Fall – und zwar von verschiedenen Seiten. Einerseits braucht der Alltag manchmal, dass ältere Kinder Mitverantwortung übernehmen. Andererseits kenne ich das bei vielen Elternteilen – und auch von mir selbst –, dass man sein Kind nicht überfordern möchte. Man möchte ihm zeigen, dass die Situation, auch wenn dieses Unfassbare passiert ist, trotzdem sicher ist. Dass man zwar unglaublich traurig ist, weinen muss und die Trauer auch zeigt, aber gleichzeitig Stabilität herstellen möchte.

Die Wege, die Betroffene dabei wählen, sind sehr unterschiedlich. Manche holen sich selbst Unterstützung – und zeigen dem Kind damit: Ich hole mir Hilfe, und dadurch kann ich dir Sicherheit geben, obwohl ich so traurig bin. Ein anderer Weg ist, externe Unterstützung für das Kind zu suchen: „Hier ist jemand, der dir zusätzlich Sicherheit geben kann, weil ich sehe, wie durcheinander unser System gerade ist."

Und ein Aspekt, den ich an dieser Stelle noch gern erwähnen möchte: das Angebot der Kinder zunächst zu würdigen – ihnen zu sagen: „Ich sehe, wie du mithelfen willst, dass wir das zusammen überstehen. Und gleichzeitig möchte ich, dass du wieder Kind sein darfst und dich sicher fühlen kannst. Lass uns gemeinsam schauen, wie wir das hinbekommen."

Lisa: Wir waren jetzt eher bei Aspekten, die langfristig belasten. Gibt es auch Veränderungen, die guttun – also Chancen im ganzen Umbruch, an denen das System vielleicht wächst?

Uschi: Ja, das würde ich schon sagen. So wie beim einzelnen Betroffenen so etwas wie Wachstum entstehen kann – ein ungewolltes Wachstum, aber es ist da –, so kann das natürlich auch in einem Familiensystem entstehen. Ich eigne mir vielleicht Kompetenzen an, die ich davor nicht gebraucht habe, und weiß jetzt besser, was mir wichtig ist. Werte können sich entwickeln, und ich kann wachsen in dem, was ich möchte und was ich brauche.

Als Familie festzustellen, was man in einer solchen Krise schafft und wie man zusammenrücken kann – das macht eine Familie auch stärker für zukünftige Herausforderungen. Gerade in der Verteilung von Zuständigkeiten und Rollen kann viel Wachstum entstehen, wenn sich zeigt: Diese Verantwortung muss nicht immer bei derselben Person liegen – es gibt noch zwei, drei andere im System, die das gut übernehmen können.

Lisa: Wie hast du das nach dem Tod deines Mannes erlebt? Gab es Umbrüche, die belastend waren, oder auch welche, bei denen du im Nachhinein sagst: Das war eine Chance, das hat etwas eröffnet bei euch in der Familie?

Uschi: Ich möchte nicht mit den Umbrüchen beginnen, sondern tatsächlich mit dem Wachstum. Es war für mich sehr hilfreich zu erkennen, wie sehr Familie tragen kann. Und natürlich habe ich vieles von dem, was wir bisher angesprochen haben, auch selbst erlebt – zum Beispiel das Zurückfallen in alte Muster.

Ich erinnere mich, dass ich – ungefähr ein halbes Jahr oder vielleicht sogar erst nach einem Jahr nach dem Tod meines Mannes – genau dieses Gespräch mit meiner Mutter hatte. Wir merkten, dass wir uns immer mehr aneinander rieben, immer wieder in Situationen kamen, in denen ich fand, dass sie mir zu viel reinredete – in die Erziehung, in den Haushalt, in alles Mögliche. Ich reagierte gereizt auf sie, und sie entsprechend gereizt auf mich. Dann hatten wir genau das Gespräch, das ich vorhin angedeutet hatte: „Was ist denn hier los? Warum agieren wir gerade so, als wäre ich noch Teenager und du meine Mama?"

Und sie hat es genauso geschildert: „Uschi, in dem Moment, als ich den Telefonhörer abnahm und erfuhr, dass der Andi gestorben ist, bin ich sofort voll in die Mutterrolle gegangen. Du warst wieder mein Kind, das ich beschützen und unterstützen will."

In dieser Erklärung ging für mich ein Licht auf – ich verstand, warum wir diese Konflikte hatten. Denn auch ich war tatsächlich ein Stück in diese Kinderrolle gegangen und hatte aus dieser Haltung heraus reagiert. Das Ansprechen hat sehr viel gelöst. Wir konnten sagen: „Okay, wir wissen jetzt, dass dieses Muster existiert – und jedes Mal, wenn wir wieder hineingleiten, können wir beide einen Schritt zurückmachen."

Lisa: Da klang durch, dass deine Eltern ganz in die Elternrolle gegangen sind und weniger als Trauernde Teil des Systems waren. Wie war das mit deinen Schwiegereltern? Also mit Menschen, die auch selbst eine große Lücke gespürt haben.

Uschi: Ich möchte noch einen Schritt zurückgehen, weil du etwas Wichtiges angesprochen hast: Auch meine Eltern sind Trauernde. Das wirkt in einem Familiensystem sehr stark, weil sie einerseits unterstützend in der Elternrolle waren und gleichzeitig selbst auch einen nahen Menschen verloren haben und mit ihrer eigenen Trauer belastet sind. Das macht vieles aus: gleichzeitig jemanden stützen wollen und selbst nicht bei hundert Prozent zu sein.

Aber zurück zur Schwiegerfamilie: Sie gehört zum System und ist noch einmal besonders betroffen, weil in meinem Fall das Kind verstorben ist. Das familienübergreifende System kann dabei eine Hilfe sein, weil man miteinander trägt und in der gemeinsamen Trauer aufgefangen wird – so habe ich es auch erlebt.

Und gleichzeitig passiert im Weiterleben etwas, auf das man unvorbereitet trifft: Das Verbindungsglied, das mein Mann zwischen mir und meiner Schwiegerfamilie war – dieser Übersetzer, manchmal auch dieser Puffer – ist nicht mehr da. Der Kontakt muss sich neu definieren. Wer hält ihn aufrecht? Wer fühlt sich dafür zuständig, anzurufen, sich zu besuchen, sich zu unterstützen? Und wie erleben wir uns in der Trauer – trauern wir vielleicht sehr unterschiedlich? Da kommen ganz viele Themen ins System, die zum Teil wirklich eine große Herausforderung darstellen, gerade weil diese Übersetzerfunktion fehlt und weil Familienkulturen unterschiedlich waren und sind.

Lisa: Das war auch gerade mein Gedanke – da kann es wunderbar knirschen. Was sind die häufigsten Konfliktlinien, die du in Begleitungen mitbekommst?

Uschi: Einmal sicher das gegenseitige Unverständnis darin, wie jemand seine Trauer lebt und zeigt. Gerade zwischen Familie und Schwiegerfamilie gibt es oft viel Unverständnis und unerfüllte Erwartungen darüber, wie es sein müsste.

Ein anderer Punkt, der häufig auftaucht: die Sorge darum, ob der Kontakt zu den Enkelkindern erhalten bleibt – wenn der Sohn oder die Tochter verstorben ist. Das gelingt oft sehr gut, aber es ist zunächst offen und beschäftigt viele. Und in der Folge kann genau darüber Reibung entstehen, wenn es unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung oder von Nähe und Distanz gibt. Wer darf wie viel Raum haben, und was darf sich verändern – oder haben wir den Anspruch, dass alles so weitergeht wie bisher? Auch dieses Bedürfnis gibt es in trauernden Systemen.

Lisa: Du hast gerade gesagt, ein Konfliktpunkt kann auch sein, dass Menschen sehr unterschiedlich trauern oder Trauer ausdrücken. Nun hat der oder die Verstorbene ganz unterschiedliche Rollen in verschiedenen Teilen der Familie gehabt. Trauern Familienmitglieder dann nicht nur auf eine unterschiedliche Art, sondern auch um eine unterschiedliche Person – um unterschiedliche Seiten einer Persönlichkeit?

Uschi: Das würde ich so bejahen. Aus systemtheoretischer Sicht gilt: Wirklichkeit ist subjektiv. Und das bestätigt genau das, was du ansprichst – mein Blick auf den Menschen ist ein anderer als der seiner Mutter. Wir kennen ihn über andere Geschichten und haben andere Seiten von ihm kennengelernt, Seiten, die seine Mutter vielleicht gar nicht kannte. Insofern: Ja, jeder im Familiensystem trauert um eine andere Seite des verstorbenen Menschen.

Das kann aber auch sehr wertvoll sein, wenn man darüber ins Gespräch geht. Es bietet die Möglichkeit, den Menschen noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen, etwas über seine Kindheit zu erfahren oder zu hören, wie Schwester oder Bruder ihn erlebt haben. Und es kann auch eine gewisse Entlastung bringen: zu erkennen, wo er den anderen fehlt.

Mein Eindruck aus Begleitungen ist, dass viele Trauernde in ihren Erinnerungen bei den Lebensphasen verweilen, in denen sie der Person sehr nah waren – weil das die Lücke und den Schmerz begründet, den sie gerade so stark spüren. Daraus kann aber manchmal eine Konkurrenz entstehen, wenn man sehr bei der eigenen Bedeutung und der eigenen Nähe zu dem Menschen bleibt.

Uschi: Ja, das begegnet mir immer wieder. Und ich glaube, es liegt an der Bewertung: Wessen Trauer ist größer, wessen Verlust schwerer? Es ist für niemanden im System gesund, wenn die eigene Trauer verkleinert wird – weil man „nur" die Schwester oder der Bruder ist und nicht das Kind oder die Partnerin. Deshalb ist es mir in Begleitungen sehr wichtig, immer wieder daran zu arbeiten, diese Bewertung herauszunehmen. Jeder trauert anders, und jeder trauert vielleicht sogar um eine andere Seite des geliebten Menschen – nämlich um die Seite, die ihn ganz besonders mit dem Verstorbenen verbunden hat, oft die Lebensphasen mit intensivem gemeinsamem Erleben. Dieses Annehmen – dass es unterschiedlich sein darf und keine Wertigkeit haben muss – ist, glaube ich, wichtig.

Lisa: Kann es auch passieren, dass Familienmitglieder in ihrer Trauer ganz übersehen werden? Ich denke da an Geschwister, Cousins, unverheiratete Partner, weil der Fokus woanders liegt.

Uschi: Ja, ich denke, das passiert immer wieder. Es hat sicher damit zu tun, wie tief jemand im Familiensystem verankert ist, aber auch mit der Persönlichkeit: Wie sehr zieht sich jemand in der Trauer zurück, oder wie sehr fordert er seinen Platz und seine Sichtbarkeit ein? Aber ja – es lohnt sich immer, einmal zu schauen, wer alles im Familiensystem ist, wer betroffen ist und wie man allen Raum geben kann.

Lisa: Wir haben jetzt verschiedene Facetten angesprochen, die zu Enttäuschungen und Verletzungen führen können – eine entstehende Distanz, Unverständnis im Trauerweg, Bewertungen, eine Art Trauerkonkurrenz. Wie kann man damit umgehen, wenn man sich isoliert fühlt, der eigenen Familie fremd wird und Verletzungen entstehen?

Uschi: Wenn es irgendwie gelingt, es anzusprechen und den Fehler nicht bei sich selbst zu suchen – sondern zu sagen: Es ist ganz normal, dass ein so erschüttertes System zunächst durcheinandergerät, dass jemand übersehen oder verletzt wird –, dann gibt es im Wissen darum einen Weg des Wiederaufeinanderzugehens. Neue Rollen können sich etablieren, man kann wieder näher zusammenrücken.

Wenn das Gespräch nicht gelingt, gibt es immer noch die Möglichkeit, sich Unterstützung von außen zu holen – jemanden, der nicht Teil des Systems ist und daher moderierend wirken kann, der Gespräche zwischen den Beteiligten wieder herstellen und so zu einer Lösung beitragen kann.

Lisa: Manchmal hilft aber auch das nicht. Manchmal gibt es einfach kein gutes Miteinander mehr und es kommt zum Kontaktabbruch. Dann sprechen wir ja von einem sekundären Verlust, der zum eigentlichen Verlust hinzukommt. Was hilft im Umgang damit?

Uschi: Ich glaube, im ersten Schritt ist es wichtig, anzuerkennen, dass auch das ein Verlust ist, der betrauert werden darf – und der die Situation unter Umständen noch schwerer macht, weil Unterstützung wegfällt. Und vielleicht den Blick dafür zu öffnen, dass an anderer Stelle etwas dazukommen kann. Viele Trauernde erleben, dass Menschen, die zuvor nah waren, sich nach einem Verlust entfernen, weil sie damit nicht umgehen können. Aber genauso viele erleben, dass plötzlich Menschen näher rücken, die zuvor keine so präsente Rolle hatten – die jetzt aber in der Krise stark zur Stabilisierung beitragen.

Lisa: Viele Trauernde haben ja auch das Gefühl, stellvertretend für den Verstorbenen an Beziehungen in der Familie festhalten zu müssen, weil er oder sie sich das wahrscheinlich gewünscht hätte.

Uschi: Ich glaube, das ist in erster Linie das Bedürfnis, verbunden zu bleiben – auch mit einem wichtigen Teil des geliebten Menschen, nämlich seiner Familie. Und gleichzeitig kann das natürlich belasten, wenn es Konflikte gibt, wenn die Art und Weise, wie man mir begegnet, nicht guttut oder zusätzliche Energie kostet. An dieser Stelle darf man auch die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen und sehr ehrlich hinschauen: Hilft mir das im Moment? Tut mir dieser Kontakt gerade gut? Wenn nicht, darf man sich die Erlaubnis geben zu sagen: Ich brauche hier erst mal eine Pause – oder auch, eine Beziehung zu beenden.

Lisa: Braucht man dafür die innere Erlaubnis der geliebten Person?

Uschi: Es hilft auf jeden Fall, in einen inneren Dialog mit der geliebten Person zu gehen und die eigenen Gedanken zum Ausdruck zu bringen – im besten Falle dabei auch die Erlaubnis zu empfangen. Und wenn das nicht gelingt, darf man sich selbst die Erlaubnis geben: Ich muss im Hier und Jetzt auf mich schauen, und ich darf das. Ich darf meinem Gefühl vertrauen.

Lisa: Uschi, du hast jetzt sehr eindrücklich beschrieben, wie tief ein Verlust auf ein Familiensystem einwirken kann – auf die Rollen, die Kommunikation, die Beziehungen. Im nächsten Schritt wollen wir euch eine Methode an die Hand geben, mit der ihr für euch herausfinden könnt, wo ihr in der Familie gerade steht und was ihr daran vielleicht verändern möchtet.

Uschi: Ich habe die Methode der Familienlandkarte mitgebracht. Nehmt euch dafür ein großes Blatt Papier und setzt in die Mitte einen kleinen Kreis mit eurem Namen. Dann kommen darum herum Kreise für alle Menschen in eurem Familiensystem, die für euch wichtig sind – in der Nähe oder Distanz zu euch, so wie ihr sie im Moment erlebt. Dabei gehört auch der oder die Verstorbene dazu – er oder sie darf seinen oder ihren Platz haben.

Im zweiten Schritt schaut ihr, wie die jeweilige Beziehung gerade aussieht: Ihr zieht Linien zwischen euch und den anderen Personen. Diese Linien können abbilden, wie intensiv die Beziehung ist, ob sie einseitig verläuft, wie ausgeglichen sie ist. Wo es Konflikte gibt, könnt ihr das mit Blitzen markieren. Wenn eine Beziehung anfällig oder noch nicht sicher ist, könnt ihr gestrichelte Linien verwenden.

Im dritten Schritt schaut ihr als Ganzes drauf: Wo fühlt sich das gut und richtig an, so wie es gerade ist? Und wo merkt ihr: Da würde ich gern etwas verändern, das möchte ich ansprechen? Es geht darum, den momentanen Stand zu reflektieren und daraus einen Impuls abzuleiten – einen nächsten Schritt, damit euer System ein bisschen besser für euch funktioniert.

Lisa: Kann es auch sein, dass ich zu dem Ergebnis komme, dass da jemand fehlt – dass es Lücken gibt?

Uschi: Ja, das wäre eine sehr wichtige Erkenntnis. Und das bedeutet nicht sofort, dass diese Lücke geschlossen werden muss. Aber es gibt Raum zum Nachdenken: Möchte ich jemanden näher heranholen? Oder fühlt sich die Lücke gerade genau richtig an?

Lisa: Du hast gesagt, der oder die Verstorbene soll auch einen Platz auf der Landkarte bekommen. Was kann dieser Kreis zeigen?

Uschi: In erster Linie zeigt er, dass er weiter Teil des Systems ist. Über die Linien kann ich auch schauen: An welcher Stelle war er eine Brücke – zum Beispiel zur Schwiegerfamilie? Wie schaut diese Beziehung jetzt aus? Und vielleicht wird auch sichtbar, was wir vorhin als Trauerkonkurrenz bezeichnet haben: Wer ist alles eng mit dem Verstorbenen verbunden – und was bedeutet das für die Beziehungen im System?

Lisa: Uschi, du kennst unser Abschlussritual schon. Du darfst, wie alle Gäste hier im Podcast, eine Karte mit einer Impulsfrage ziehen. Ich bin gespannt, was dir dazu einfällt.

Uschi: Ich auch. (zieht eine Karte) „Worüber kannst du ins Schwärmen geraten?"

Über guten Pulverschnee. Skifahren ist für mich eine echte Kraftquelle – da kann ich richtig loslassen und Spaß haben.

Lisa: Danke, Uschi, dass du heute wieder dabei warst und von deinen beruflichen, aber auch persönlichen Erfahrungen erzählt hast. Und danke euch da draußen fürs Dabeisein und Mitgehen.

Was ihr heute gehört habt, macht vielleicht klarer, warum der Verlust eines wichtigen Menschen nicht nur das eigene Leben, sondern die ganze Familie erschüttert. Dieses Verständnis hilft vielleicht ein bisschen dabei:

Unterschiede und Reibungen besser auszuhalten

Geduld zu haben, bis sich neue Rollen etablieren können

sich die Erlaubnis zu geben, eigene Grenzen abzustecken und zu wahren

Wenn ihr eure Erfahrungen mit uns teilen möchtet, schreibt uns gerne auf Instagram oder per Mail an: post@nicolaidis-youngwings.de

In der nächsten Folge sprechen wir über Schuldgefühle, die fast immer Teil der Trauer sind. Meine Kollegin Veronika Hoffmann-Heiden erzählt, was hilft, wenn das Gedankenkarussell Runde um Runde dreht, welche Funktionen Selbstvorwürfe haben und wie sie selbst nach dem Tod ihres Mannes damit umgegangen ist. Wir freuen uns, wenn ihr wieder dabei seid.

Bis dahin: Passt gut auf euch auf.

Weiterleben Weiterlieben – ein Podcast der Nicolaidis YoungWings Stiftung, gefördert von der Münchner Sozialstiftung.