Verbundenheit | Die innere Beziehung weiterleben
Shownotes
Lange galt in der Trauer das Credo: loslassen, Abschied nehmen, weitergehen. Heute weiß man, dass Betroffene stattdessen etwas ganz anderes brauchen – eine bleibende, innere Beziehung zu dem verstorbenen Menschen. Wir erklären in dieser Folge von "Weiterleben Weiterlieben", warum die Verbundenheit über den Tod hinaus so wichtig ist und was dabei helfen kann, sie zu finden oder zu bewahren. Impuls für euch: ein innerer, sicherer Ort für den Verstorbenen.
Während man früher davon ausgegangen ist, dass ein gesunder Trauerprozess auf Abschied nehmen von dem oder der Verstorbenen hinauslaufen muss, weiß man heute zum Glück, dass dieser Schritt weder hilfreich ist, noch dem entspricht, was Trauernde wollen. Sondern, dass es im Gegenteil darum geht, in Verbindung zu bleiben mit dem geliebten Menschen. Wie sich diese Beziehung gestalten lässt, wo der oder die Verstorbene einen guten Platz im eigenen Leben finden kann und warum das nichts mit Esoterik zu tun hat, darüber sprechen wir in dieser Folge von „Weiterleben Weiterlieben“. Host Lisa Auffenberg und Expertin Uschi Pechlaner geben konkrete Ideen, wie man Nähe zu dem oder der Verstorbenen herstellen kann und erklären außerdem, was hilft, wenn die Beziehung zu Lebzeiten vielleicht konfliktbehaftet war. Wie immer gibt es zum Abschluss eine hilfreiche Methode an die Hand – diesmal, um einen guten inneren Ort für den geliebten Menschen zu finden.
- Buchtipp: Roland Kachler – Meine Trauer geht und du bleibst
- Auch die Vorstellung eines eigenen inneren, sichereren Ortes für den Trauernden selbst kann sehr hilfreich sein. Eine Anleitung zur Imaginationsübung gibt es zum Beispiel hier: www.psychologie-heute.de
WER WIR SIND
Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit vielen Jahren junge Menschen in einer der schwersten Phasen ihres Lebens – in der Trauer um einen geliebten Menschen. Wir wissen, wovon wir reden, auf professioneller Ebene und aus eigener Erfahrung.
Gastgeberin Lisa arbeitet als systemische Beraterin bei der Stiftung, außerdem ist sie Wissenschaftsjournalistin bei Nerdpol. Ihre Gästin und Kollegin Uschi Pechlaner ist Diplom-Sozialpädagogin, ausgebildete systemische Therapeutin und Trauerbegleiterin. Sie leitet den Bereich für Trauernde nach dem Tod des Lebenspartners oder der Lebenspartnerin bei der Stiftung.
GUT ZU WISSEN
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IM HINTERGRUND
Redaktion: Sonja Schwalb
Technik & Sound: Henning Hoffmann-Heyden
Förderung: Dieser Podcast wird gefördert durch die Landeshauptstadt München – Münchner Sozialstiftung
Transkript anzeigen
Lisa: Lange Zeit dachte man, ein gesunder Trauerprozess läuft auf Abschiednehmen hinaus. Die Idee war – und es gibt sie zum Teil auch immer noch –, dass man den verstorbenen Menschen loslassen muss, dass man abschließen muss und weitergehen. Heute weiß man zum Glück, dass das überhaupt nicht hilfreich ist und überhaupt nicht das, was Trauernde brauchen.
Sondern dass es in der Trauer im Gegenteil darum geht, in Verbindung mit dem oder der Verstorbenen zu bleiben. Und damit herzlich willkommen zu „Weiterleben, Weiterlieben". Ich bin Lisa, Trauerbegleiterin und systemische Beraterin bei der Nicolaidis Young Wings Stiftung. Zu Gast ist heute meine Kollegin Uschi Pechlaner.
Wir werden darüber sprechen, wie das gehen kann, eine innere Beziehung zu diesen Menschen zu leben. Und wie immer haben wir eine konkrete Übung dabei, die euch vielleicht bei diesem Thema helfen kann. Hallo Uschi, schön, dass du da bist.
Uschi: Hallo Lisa.
Lisa: Du bist nicht nur meine Kollegin, du bist auch Sozialpädagogin und systemische Therapeutin und unterstützt bei der Stiftung seit vielen, vielen Jahren als Trauerbegleiterin junge Menschen nach einem schweren Verlust. Du machst diese Arbeit, seit du vor 14 Jahren selbst deinen Mann durch einen Verkehrsunfall verloren hast. Auch an dich unsere Einstiegsfrage: Was hast du über Trauer gelernt in all der Zeit, beruflich und auch persönlich?
Uschi: Dass Trauer ein Lebensthema ist. Dass sie sich zwar verändert mit dem Abstand zum Verlust, aber dass sie mich ein Leben lang begleitet, in unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Gewand – aber dass sie immer wieder mal auftaucht.
Lisa: Wir wollen heute ja über Verbundenheit sprechen, über die innere Beziehung zu den Verstorbenen, weil das in der Trauer oft ein ganz tiefes Bedürfnis ist. Warum ist man in der Trauerbegleitung inzwischen weg von dem Ziel, loszulassen und irgendetwas abzuschließen?
Uschi: Weil es bei den Trauernden Widerstand auslöst. Kein Trauernder möchte darauf hinarbeiten, dass er den geliebten Menschen loslassen muss – und wohin auch loslassen? Als Trauernder wünsche ich mir, verbunden zu bleiben und in Beziehung zum Verstorbenen zu bleiben.
Lisa: Wie ging es dir selbst nach dem Tod deines Mannes?
Uschi: Mir ging es da ganz ähnlich. Ich wollte darüber nachdenken, wie wir es schaffen, wie es uns gelingt, dass mein Mann weiterhin einen guten Platz in unserer Familie und auch in unserem Freundeskreis und auch in mir haben kann. Und der Gedanke, dass er irgendwann mal nicht mehr Teil davon wäre, der hat mir ganz am Anfang und auch über die Zeit hinweg eher Angst gemacht.
Lisa: Erlebst du diese Angst auch in den Begleitungen mit den Menschen, die du professionell unterstützt?
Uschi: Ja, auf jeden Fall. Ich erlebe vor allem, dass es die Trauernden, die ich begleite, sehr entlastet, wenn ich aufzeige, dass es eben nicht darum geht, dass sie den Verstorbenen loslassen müssen, sondern vielmehr darum, wie eine gemeinsame, eine innere Beziehung weiter bestehen kann.
Lisa: Was genau bedeutet innere Beziehung? Also wie spürt man jemanden, der tot ist?
Uschi: Für viele Trauernde ist der Verstorbene einfach präsent. Sie spüren seine oder ihre Anwesenheit über alle Sinneskanäle hinweg. Manche Trauernde riechen den Verstorbenen, haben den Geruch des geliebten Menschen in der Nase. Manche Trauernde haben das Gefühl, er sitzt oder steht neben mir. Und manche sehen ihn tatsächlich auch in einer Menschenmenge oder auf sich zukommen, oder haben das Gefühl, er kommt über die Treppe hoch, weil er immer um diese Uhrzeit durch die Tür gekommen ist.
Lisa: Für manche Menschen ist es wahrscheinlich schwer, sich das zuzugestehen. Ich könnte mir vorstellen, dass man den Gedanken vielleicht sogar esoterisch findet, oder das Gefühl hat, man konstruiert sich diese Erfahrung, weil das hilft – oder man hat vielleicht sogar die Sorge, in irgendeiner Form verrückt zu werden. Wie baust du da eine Brücke in den Begleitungen?
Uschi: Ich glaube, in erster Linie ist es wichtig, den Trauernden zu zeigen, dass das eine ganz normale Reaktion auf einen schweren Verlust ist. Unsere Gedanken drehen sich ja fast dauernd um den Verstorbenen, im Erinnern und im Vermissen, und darüber entsteht eben auch dieses Nähegefühl, sodass der Verstorbene sozusagen omnipräsent ist. Diese Erfahrung ist nicht Ausdruck dafür, dass mit mir etwas nicht stimmt – es gibt sogar verschiedene wissenschaftliche Erklärungen für dieses Phänomen. Es gibt zum Beispiel die Bindungstheorie oder auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse, die erklären, warum wir nach einem schweren Verlust so reagieren, warum wir trotzdem noch eine so intensive Beziehung zum Verstorbenen spüren.
Lisa: Deine eigene Erfahrung, aber auch die vieler anderer, zeigt ja, dass es für Betroffene sehr wichtig ist, dass sie auch langfristig auf irgendeine Art eine Form von Beziehung weiterleben können. Was genau ist im Trauerprozess so hilfreich daran – und auch über den Trauerprozess hinaus?
Uschi: Ich glaube, ein Punkt ist, dass die Beziehung zum Verstorbenen eine wirklich wertvolle und wichtige Ressource ist, auch im Trauerprozess. Für viele Trauernde ist der Verstorbene ein wertvoller innerer Ratgeber, der ihnen auch in dieser veränderten Situation hilft, Entscheidungen zu treffen. Manche Trauernde schöpfen große Kraft aus dem Gedanken, für den Verstorbenen noch etwas zu schaffen, etwas ins Hier und Jetzt zu bringen. Auch aus diesem Verständnis heraus macht es überhaupt keinen Sinn, die Verbindung zum Verstorbenen zu kappen.
Lisa: Wenn die Beziehung zu Lebzeiten sehr harmonisch war, dann fällt es wahrscheinlich deutlich leichter, auch nach dem Tod Nähe zu suchen, zu spüren und zuzulassen, könnte ich mir vorstellen. Aber was, wenn die Beziehung schwieriger oder konfliktreicher war? Kann dann eine Art Kontaktabbruch der bessere Weg sein?
Uschi: Hm, gute Frage – aber gut, dass du das ansprichst. Die wenigsten Beziehungen sind ja frei von Konflikten und Unstimmigkeiten. Das erleben wir in der Trauerbegleitung auch, und oft bleiben, gerade bei plötzlichen Todesfällen oder auch nach längerer Krankheit, Fragen offen. Manchmal tauchen auch nach einem Tod plötzlich Geheimnisse auf, mit denen die Hinterbliebenen schwer umgehen können. Manchmal gibt es sogar Verletzungen oder Abwertungen, bis hin zu emotionaler oder sogar körperlicher Gewalt. Und da liegt der Gedanke, dass die Lösung im inneren Kontaktabbruch liegt, oft sehr nahe – das ist auch eine Empfehlung, die viele Trauernde bekommen, das Ganze jetzt hinter sich zu lassen. Aber das funktioniert eben nicht.
Lisa: Und warum funktioniert das nicht?
Uschi: Naja, weil gerade diese Beziehungsstörungen besonders intensiv binden. Die Trauernden kämpfen mit Gedankenkarussellen, in denen sich alles um den Verstorbenen und um die Beziehung zu ihm dreht. Und mit diesen Gedankenkarussellen bleibt der Verstorbene ganz, ganz nah.
Lisa: Was dann?
Uschi: Ja, was dann? Ähnlich wie im realen Leben, ähnlich wie im Hier und Jetzt, braucht es eine Möglichkeit zur Klärung, zur Auseinandersetzung. Deswegen ist es auch der Weg für den Hinterbliebenen oder die Hinterbliebene, mit dem Verstorbenen noch einmal in eine Klärung zu gehen und für sich ein gutes Verhältnis von Nähe und Distanz, von Verbindung, zu finden.
Lisa: Das klingt jetzt erst mal ziemlich verrückt. Ich streite mich mit einem Toten? Wie muss man sich das konkret vorstellen? Man setzt sich hin und streitet los?
Uschi: Ja, so ähnlich – natürlich nicht ganz. Es geht erst mal darum, hinzuschauen, auch zu wissen, okay, das ist jetzt auch normal, wie wir vorher schon angesprochen haben, und wahrzunehmen: Was wirkt bei mir, was nehme ich bei mir wahr an Schuldgefühlen oder an Wut, wenn ich an den Verstorbenen oder die Verstorbene denke? Und was brauche ich im nächsten Schritt, um vielleicht in einen inneren Dialog, in eine Klärung gehen zu können? Da gibt es dann verschiedene Wege: alles, was mich beschäftigt, aufzuschreiben, entweder in einem Tagebuch oder auch in einem Brief an den Verstorbenen, oder tatsächlich auch angeleitet durch die Trauerbegleitung in einen inneren Dialog zu gehen. Das Spannende daran ist, dass die Trauernden meistens sehr gut wissen, was die Antworten in dem Gespräch mit dem Verstorbenen wären. Und darüber, über diesen Prozess, über diese Auseinandersetzung, entsteht ein Stück Klärung und ein Stück Klarheit.
Lisa: Und dann auch Erleichterung, vielleicht ein Stück weit?
Uschi: Ich glaube, es ist ein anstrengender Prozess, und die Entlastung passiert zum einen über den Prozess – dass ich es zum Beispiel aufschreibe, dass ich es loswerde, dass ich einen Ausdruck dafür finde – und zum anderen darüber, dass ich ihm überhaupt den Platz gebe.
Lisa: Viele erleben in der Trauer ja, dass es Phasen gibt, in denen der oder die Verstorbene sehr präsent und nah ist, und dass es dann aber wieder Zeiten gibt, in denen er oder sie sehr weit weg ist, in denen es sich distanzierter anfühlt. Und oft klopft dann auch das schlechte Gewissen an, man hat das Gefühl, es dürfte nicht so sein, es müsste anders sein, man hat den Menschen irgendwie verbannt. Kennst du das persönlich und aus den Begleitungen?
Uschi: Ja, also beides. Ich kenne es zum einen persönlich und zum anderen aus den Begleitungen. Ich selbst habe festgestellt – und das ist auch das, worin ich die Trauernden bestärken möchte –, dass das sein darf, dass es eben beides braucht. Es braucht die Auseinandersetzung mit der Trauer, und es braucht auch so etwas wie Ablenkung von der Trauer, weil Trauer etwas sehr Anstrengendes ist und auch Erholungsphasen braucht. Das Wertvolle an dieser Idee ist auch, dass ich wieder in meine Selbststeuerung komme. Ich selbst als Trauernde darf und kann entscheiden, wo ich gerade meinen Fokus hingebe – ob ich mich gerade mit meiner Trauer, mit dem Schmerz, mit meinen Verlustgefühlen auseinandersetzen möchte, oder ob ich gerade eine Auszeit von der Trauer brauche, um mich wieder aufzuladen, um wieder Energie zu haben für die andere Seite des Prozesses. Und dieses Wissen, dass beides zur Trauer dazugehört, entlastet ganz viele Trauernde – auch von diesem schlechten Gewissen.
Lisa: Du hast vorhin gesagt, dass es dir nach dem Tod deines Mannes sehr wichtig war, dass er einen guten Platz in deinem Leben und im Leben deiner Familie hat, auch weiterhin. Wie sieht dieser Platz heute für dich aus?
Uschi: Der gute, der sichere Platz für meinen Mann hat sich natürlich über die Jahre verändert. Ich glaube, gerade am Anfang war er in allem präsent – in allen Gesprächen, in ganz vielen Gegenständen und Dingen in unserer Wohnung, mit vielen Bildern an der Wand. Aber auch jetzt gibt es viele Plätze, an denen ich ihn noch finden kann – die er vielleicht gemeinsam mit mir entwickelt oder geschaffen hat, oder die wir als Familie extra für ihn eingerichtet haben. Und trotzdem ist es über die Jahre einfach begrenzter geworden, und das darf auch sein. Gerade bei uns sind es oftmals auch Rituale, die wir über die Jahre fortgesetzt haben. Wir fahren zum Beispiel einmal im Jahr mit Freunden gemeinsam weg, das war immer sein Geburtstag. Das haben wir weiter fortgesetzt, und in diesem Ritual ist er weiterhin in diesem Freundeskreis anwesend. Das hat etwas ganz Beruhigendes.
Lisa: Klingt sehr schön, weil nicht nur du diesen Raum schaffst und diesen Platz hältst, sondern weil es auch ein größerer ist.
Uschi: Ja, genau. Und das ist tatsächlich auch etwas, was für mich sehr entlastend ist. Es gab schon eine Phase, in der ich für mich selbst den Druck gespürt habe, diesen Platz zu sichern, und erst über das Erleben, dass andere da auch dazu beitragen, konnte ich mich ein Stück zurücknehmen.
Lisa: Uschi, du hast uns jetzt einiges darüber erzählt, warum Verbundenheit wichtig und hilfreich ist. Wir wollen jetzt aber auch noch ein paar Ideen mitgeben, wie man sie herstellen kann.
Das könnt ihr tun
Uschi: Ein paar vielleicht hilfreiche Methoden, wie ich in Kontakt zum Verstorbenen, zu meinem geliebten Menschen kommen kann, habe ich ja schon aufgegriffen, wie zum Beispiel das Briefeschreiben, ein Tagebuch führen oder in einen inneren Dialog zu gehen. Ich möchte es gern um weitere, vielleicht kleinere Ideen ergänzen. Manche Trauernde kommen leicht in Kontakt über Musik – wenn ich ein gemeinsames Lied höre, fühle ich mich sehr verbunden, sehr nah. Oder auch, indem ich Bilder anschaue oder mir Filme ansehe. Das ist sehr unterschiedlich, wann im Trauerprozess mir was hilft und was ich auch aushalten kann. Manchmal ist gerade das Bilderanschauen am Anfang ganz schwierig und zu einem späteren Zeitpunkt genau der richtige Weg, um an meine Erinnerungen, an meine Gedanken, an meine Verbindung zum Verstorbenen anzuknüpfen. Darüber hinaus gibt es, finde ich, noch zwei weitere wirkungsvolle Methoden, die mit einem sicheren Ort zu tun haben: einmal ein äußerer sicherer Ort für mich und den Verstorbenen, also ein Ort, an dem ich gut in Kontakt kommen kann mit dem oder der Verstorbenen, weil es vielleicht ein Ort ist, den wir gemeinsam besucht haben, der mit gemeinsamen Erinnerungen verbunden ist – oder weil es eben auf einem Berg, an einem See oder, wie bei uns, auf dem Balkon ein Platz ist, an dem ich mich als Trauernde sehr wohlfühle. Und wo ich vielleicht auch weiß, dass sich der Verstorbene dort sehr wohlgefühlt hat, dass das sein Ort war, wo er sich entspannen konnte, den ich vielleicht auch mit Glücklichsein verbinde. Ich bestärke Trauernde sehr gern darin, dorthin zu gehen und zu schauen, wie dieser Ort auf mich wirkt, was ich bei mir wahrnehme. Und wenn ich merke, dass ich dort zur Ruhe kommen kann und auch so etwas wie Wohlfühlen erleben kann, dann ist es oft sehr einfach, mich gedanklich mit dem Verstorbenen zu verbinden – und damit auch für mich die Sicherheit zu haben, dass es einen Platz gibt, an dem ich den Verstorbenen immer wieder finde.
Lisa: Für manche ist es ja das Grab, aber nicht für jeden – das ist sehr individuell. Wie erlebst du das in den Begleitungen? Ist das immer noch so ein Ort, an dem Menschen genau diese Ruhe finden und auch diese Begegnung?
Uschi: Es gibt Trauernde, für die ist immer noch das Grab tatsächlich ein Ort, an dem sie in Verbindung gehen können. Das hat auch ein bisschen damit zu tun, wo das Grab ist, oder ob ich überhaupt ein Grab habe. Wenn man es so sagen kann, geht die Tendenz eher zu einem ganz individuellen Ort.
Lisa: Du hast gesagt, der äußere sichere Ort ist ein Element, und dann gibt es noch einen zweiten Platz, den man für den oder die Verstorbene suchen kann, nämlich im Inneren, in der Fantasie. Jetzt ist so ein äußerer Ort ja nicht immer zugänglich – und wenn ich darüber hinaus noch in Kontakt mit dem Verstorbenen gehen möchte?
Uschi: Dann ist oftmals ein hilfreicher Weg die Suche nach einem inneren sicheren Ort – die Suche danach, wo ich den Verstorbenen oder die Verstorbene in mir finden kann. Das kann man sich wie eine Fantasiereise vorstellen, wir nennen es Imagination: In einem ersten Schritt geht es darum, für sich einen guten Platz zu finden oder sich hinzulegen und erst mal zu sich selbst zu kommen, zur Ruhe zu kommen. Das Ganze wird mit ein paar tiefen Atemzügen unterstützt, um sich innerlich auf eine Reise zu begeben und auch das Unbewusste einzuladen, sodass Bilder entstehen können, wie ein Ort aussehen könnte – den es vielleicht tatsächlich gibt, den man in der Vergangenheit miteinander besucht hat, aber das kann auch ein Fantasieort sein, an dem ich mir vorstelle, dass es dort einen großen Baum gibt, unter dem man sitzen kann, dass es dort Wasser gibt, dass es vielleicht irgendwo im Gebirge ist. Und dadurch verändert sich etwas, gerade in Bezug aufs Loslassen, was ja unsere Einstiegsfrage war. Denn wenn es diesen Ort in mir gibt, dann habe ich die Sicherheit, dass ich den Verstorbenen oder die Verstorbene immer wieder finden kann – hin zu dem Gedanken, dass ich ihn oder sie dort lassen kann. Und dann ist es kein Loslassen ins Ungewisse, ins Weite, sondern es gibt für uns gemeinsam eine Möglichkeit, uns immer wieder zu begegnen. Das macht einen großen Unterschied.
Lisa: Und ist zugleich auch ein Ort, wenn ich dich richtig verstehe, an dem ich den Verstorbenen in Sicherheit weiß?
Uschi: Ja, weil das ein großes Bedürfnis von Trauernden ist – dass es dem oder der Verstorbenen gut geht, dass sie keine Schmerzen hat, dass sie sich dort wohlfühlt, dass es einfach auch ein passender Ort ist. Ich habe eine Begleitung, die diesen Ort zum Beispiel im Meer gefunden hat, weil das etwas war, das sie verbunden hat – gemeinsam tauchen zu gehen –, und sie mit diesem Ort auch wirklich ein Glücklichsein verbindet.
Lisa: Das klingt sehr tröstlich und schön, so ein inneres Bild zu haben – aber es nimmt natürlich nicht den unfassbaren Schmerz, dass dieser lebendige Mensch fehlt, mit dem ich sprechen kann, den ich berühren kann, mit dem ich Pläne schmieden kann.
Uschi: Es ist sehr schön, dass du das noch einmal so ausdrücklich sagst, weil ich glaube, das ist tatsächlich auch wichtig, das zu würdigen. Und trotzdem hat es mir als Trauernde sehr geholfen, einen Weg für mich zu haben, wie ich darüber hinaus mit meinem Mann in Verbindung bleiben kann und wie ich diesen Prozess tatsächlich auch aktiv unterstützen kann und in dieses Gefühl gehen kann.
Lisa: Das kann ich mir gut vorstellen. Uschi, zum Abschluss darfst du, wie jeder Gast, eine Karte ziehen mit Impulsfragen und uns sagen, was dir dazu in den Sinn kommt.
Uschi: Oh, jetzt bin ich aber gespannt, was da kommt. Ich ziehe, ich ziehe … Okay, mal vorlesen: „Wenn du dich von Kopf bis Fuß lebendig fühlst – wie fühlt sich das an?"
Laut. Laut und warm.
Lisa: Danke, Uschi, für deine Zeit und deine Gedanken. Und danke euch da draußen fürs Dabeisein und Zuhören. Ich hoffe, ihr habt ein paar Ideen bekommen, wie euer geliebter Mensch mehr zu einem Begleiter, zu einer Begleiterin in eurem Leben werden kann. Jemand, der euch bei Entscheidungen hilft, auch wenn die Diskussion darüber nur im Kopf stattfinden kann. Jemand, der euch in Gedanken den Rücken stärkt, wenn das nicht mehr mit einer Umarmung oder mit ausgesprochenen Worten geht. Oder jemand, der euch immer wieder dabei hilft, in der Trauer gut für euch zu sorgen und nett zu euch selbst zu sein.
Wenn ihr Fragen habt oder uns von euren Erfahrungen erzählen möchtet, schreibt uns gerne auf Instagram oder per Mail an post@nicolaidis-youngwings.de. In der nächsten Folge werde ich mit meiner Kollegin Christina Schwarzenauer über die sehr schweren Gefühle in der Trauer sprechen, zum Beispiel über Ohnmachtsgefühle, Sinnleere und Suizidgedanken – und natürlich darüber, was man ihnen entgegensetzen kann. Wir freuen uns, wenn ihr wieder dabei seid.
Weiterleben, Weiterlieben – ein Podcast der Nicolaidis Young Wings Stiftung, gefördert von der Münchner Sozialstiftung.