Schwere Gefühle | Halt finden am emotionalen Abgrund
Shownotes
Bei dem Begriff "Trauer" denken Menschen ohne Verlusterfahrung gerne an Traurigkeit. An dieses eher leise, fast niedliche Gefühl, das man vielleicht mit Kindern verbindet, deren Eis zu Boden gefallen ist. Dabei folgen auf den Tod eines wichtigen Menschen emotionale Abgründe in unterschiedlichsten Facetten: zum Beispiel Ohnmacht, Entsetzen, Hoffnungslosigkeit, Leere und das Gefühl, nicht mehr leben zu können oder zu wollen. Was im Umgang mit diesen Emotionen hilft und was Betroffene tun können, um nicht im Sog der Trauer unterzugehen, davon erzählen wir in dieser Folge. Impuls für euch: eine Schreibübung, um schwere Gefühle anders zu betrachten.
Menschen nach einem schweren Verlust erleben eine riesige Palette an Empfindungen, von denen einige kaum auszuhalten sind. In dieser Episode von "Weiterleben Weiterlieben" spricht Host Lisa mit ihrer Gästin Christina Schwarzenauer darüber, wie unerträglich sich die Situation für Trauernde anfühlen kann, was dabei hilft, mit schweren Gefühlen umzugehen, und wann es Zeit ist, sich Hilfe zu holen. Und wie immer gibt es praktische Ideen und eine konkrete Methode an die Hand.
- Anlaufstellen für akute Krisen findet ihr bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention (deutsche-depressionshilfe.de).
- Eine detaillierte Übungsanleitung zur aktuellen Folge gibt es zum Herunterladen auf unserer Website (nicolaidis-youngwings.de/podcast).
WER WIR SIND
Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit vielen Jahren junge Menschen in einer der schwersten Phasen ihres Lebens – in der Trauer um einen geliebten Menschen. Wir wissen, wovon wir reden, auf professioneller Ebene und aus eigener Erfahrung.
Gastgeberin Lisa arbeitet als systemische Beraterin bei der Stiftung, außerdem ist sie Wissenschaftsjournalistin bei Nerdpol. Zu Gast in dieser Folge ist Christina Schwarzenauer, diplomierte psychologische Beraterin und Trauerbegleiterin. Sie unterstützt Trauernde in Einzelgesprächen, Trauergruppen, bei Seminaren und kreativen Angeboten.
GUT ZU WISSEN
🖤 Wir sind für junge Trauernde da: www.nicolaidis-youngwings.de/angebote
ℹ️ Weitere Infos zu dieser Folge findet ihr auf unserer Website: www.nicolaidis-youngwings.de/podcast
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IM HINTERGRUND
Redaktion: Sonja Schwalb
Technik & Sound: Henning Hoffmann-Heyden
Förderung: Dieser Podcast wird gefördert durch die Landeshauptstadt München – Münchner Sozialstiftung
Transkript anzeigen
Trauer ist ein Begriff, der versucht viele verschiedene Zustände in einem Wort zu fassen. Und dem es dabei nicht besonders gut gelingt die emotionalen Abgründe auszudrücken, die viele Menschen nach einem schweren Verlust erleben. Denn Trauer meint so viel mehr als Traurigkeit. Die Palette an Empfindungen ist riesig, wenn ein wichtiger Mensch viel zu früh gestorben ist.
Und einige von ihnen fühlen sich schier unaushaltbar an. Ohnmacht, Entsetzen, Hoffnungslosigkeit, Leere. Und natürlich das Gefühl, nicht mehr weiterleben zu können oder zu wollen. All dem wollen wir uns heute widmen, bei Weiterleben weiter lieben. Ich bin Lisa, Trauerbegleiterin systemische Beraterin und Journalistin und bei mir ist heute Christina Schwarzenauer.
Sie ist psychologische Beraterin und ebenfalls Trauerbegleiterin bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung. Wir wollen darüber sprechen, wie unerträglich sich die Situation für Trauernde anfühlen kann. Was dabei vielleicht hilft, mit schweren Gefühlen umzugehen und wann es Zeit ist, sich Hilfe zu holen. Und wie immer geben wir euch natürlich eine ganz konkrete Methode an die Hand.
Hallo Christina, schön, dass du da bist.
Hallo Lisa.
Christina, was hast du über Trauer gelernt? Trauer Ja, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen eigenartig, aber ich erinnere mich, dass ich in meiner Trauer selbst oft das Gefühl gehabt habe, nicht mehr ganz normal zu sein. Fast ein bisschen verrückt. Also wenn man mit einem Foto spricht, zum Beispiel oder WhatsApp-Nachrichten verschickt, obwohl man genau weiß, dass man darauf nie mehr eine Antwort bekommen kann.
Oder... Sich Papier und Stift schnappt und völlig unzensiert sich alles von der Seele schreibt. Also das hat sich schon sehr, sehr merkwürdig angefühlt für mich und ja, fast ein bisschen verrückt eben. Und deshalb würde ich sagen, was ich über Trauer gelernt habe, das würde ich so zusammenfassen ein bisschen verrückt ist in der Trauer ganz normal.
Ist das was, wovon du deinen Klienten oder Klientinnen auch erzählst? Kann das entlasten?
Ja, inzwischen erzähle ich eigentlich ganz gerne in den Begleitungen auch ganz offen darüber, weil ich gemerkt habe, dass das eben entlasten kann und dass es vielen so geht und dass man eben nicht über sich selber denkt, mit mir stimmt was nicht, sondern dass man es richtig einordnen kann.
Diese Frage, was normal ist, was sein darf in der Trauer, was auch eine angemessene Reaktion ist, beschäftigt ja ganz viele Betroffene. Viele können sich ja erstmal überhaupt nicht vorstellen, wie das gehen soll, überhaupt irgendwie weiterzuleben und dringen um irgendeine Strategie, um auch nur einen Tag weiter zu bestreiten. Würdest du sagen, das ist auch normal?
Ging dir das auch so, nachdem dein Mann vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, dass das erstmal überhaupt nicht vorstellbar war, dass du gar keine Idee hattest, wie das funktionieren kann, Leben? Ja, das ging mir absolut auch so. Also ich kannte mich gar nicht ohne ihn und hatte immer den Eindruck, ich weiß gar nicht, wie das überhaupt funktioniert, so leben ohne ihn.
Und ich hatte da nach seinem Tod auch Momente, in denen war es mir ehrlich gesagt egal, ob ich jetzt weiterlebe oder nicht. Das klingt echt brutal, aber da war so eine Gleichgültigkeit, weil es hat sich alles so sinnlos angefühlt Ich weiß nicht, wie du das erlebst, ich mache die Erfahrung, dass viele Betroffene selbst in der Trauerbegleitung Angst haben, das auszusprechen und so zu benennen, wie du das gerade gemacht hast.
Wir bei der Stiftung laden ja sehr dazu ein, in dem Wissen, dass es ein häufiges und auch erstmal ganz angemessenes Gefühl ist, das Platz braucht und Würdigung braucht. Was glaubst du, warum ist das so häufig, warum taucht es bei ganz vielen Menschen auf, die so einen schweren Verlust erlebt haben? Ja, ich glaube, erstmal steht da oft der Wunsch dahinter, dem Verstorbenen einfach nahe zu sein und ja, irgendwie auch sehen zu wollen, ob es ihm oder ihr gut geht, da wo er oder sie jetzt ist und bei mir war da schon so eine Sehnsucht nach dem Jenseits, wenn man es so nennen will.
Man sagt da ja auch Nachsterbewunsch dazu, das ist aber eben meistens ein passiver Wunsch im Sinne von, ich hätte jetzt nichts dagegen, sollte mir was passieren. Da kann auch das Gefühl von Kraftlosigkeit dahinterstehen, ich kann nicht mehr, weil jeder Tag wirkt wie ein unüberwindbarer Berg, oder auch ich will nicht mehr.
Das Leben erscheint so leer und so bedeutungslos ohne den geliebten Menschen und manchmal ist auch eine Art überlebensschuld da ich bin noch da obwohl du nicht mehr am Leben sein darfst, also so ein Gefühl von mir steht das Weiterleben gar nicht zu Das ist alles ja erstmal nichts, an dem man etwas ändern müsste oder könnte, was du jetzt beschrieben hast, sondern einfach ein Teil von Trauer.
Manchmal entsteht ja aber auch so das Gefühl bei Betroffenen, dass sich die Situation sehr zuspitzt und auch nicht mehr auszuhalten oder alleine zu bewältigen ist. Wann würdest du sagen, es ist Zeit, sich Hilfe zu holen. Wann könnte ich das merken?
Ja, grundsätzlich finde ich, ist es nie unangebracht, sich in der Trauer Hilfe zu holen in einer Trauerbegleitung oder durch eine Psychotherapie oder vielleicht einer Trauergruppe.
Es kann nämlich schon sehr beängstigend sein, wenn man so schwere Gefühle erlebt oder eben auch diesen Nachsterbewunsch. Und da tut es einfach gut, wenn es dafür einen Platz gibt, wo ich das alles mal aussprechen kann. Was aber unbedingt ernst zu nehmen ist und wo man sich sofort Hilfe holen sollte, wenn Suizid als mögliche Lösung im Kopf auftaucht zum Beispiel, wenn diese Gedanken immer wieder kehren und quälend und drängend werden, wenn man sich vielleicht sogar beschäftigt mit dem Wie oder Wann oder Wo, Das passieren könnte, dann ist es auf jeden Fall wichtig, sich Soforthilfe zu holen also beim Krisendienst anzurufen oder zum Hausarzt zu gehen oder sich an eine vertraute Person zu wenden.
Das waren jetzt ganz wichtige Warnsignale, die du da benannt hast, Christina. Wenn ihr, die ihr gerade zuhört euch darin wiederfindet, dann haben wir in den Shownotes konkrete Nummern und Anlaufstellen für euch, an die ihr euch jederzeit wenden könnt. Christina, dieser Nachsterbewunsch von dem du gerade gesprochen hast, der ist ja sehr häufig, gerade in der Anfangszeit der Trauer meistens flankiert von anderen schweren Gefühlen.
Was begegnet dir da in den Begleitungen sehr oft? Das sind häufig Gefühle wie Ohnmacht oder Leere oder auch diese Hoffnungslosigkeit. Ohnmacht, dass man das Gefühl hat, nichts verändern zu können, dass man dem Geschehen völlig ausgeliefert ist. Das ist sehr schwer auszuhalten. Und dann ist da diese unendliche innere Leere.
Manche Menschen beschreiben eine emotionale Taubheit oder einfach dieses große Loch und die eigene Identität fühlt sich zertrümmert an, weil dieses Wir, das gibt es so nicht mehr und man weiß gar nicht, wer man ohne den verstorbenen geliebten Menschen überhaupt ist. Und dann kommt dazu noch ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit eben.
Viele Menschen können sich am Anfang überhaupt nicht vorstellen, dass es jemals wieder anders oder leichter werden könnte. Es fühlt sich an, als ob dieser Schmerz für immer bleiben würde. Und da ist keine Idee von Zukunft mehr. Mit dem Verstorbenen geliebten Menschen sind also auch die gemeinsamen Pläne verloren gegangen und da gibt es erstmal keine Perspektive.
Nichts kann mehr gut werden. So hat man den Eindruck. In den bisherigen Podcast-Folgen kamen wir immer wieder zu dem Punkt, dass alle Emotionen irgendeine Art von Funktion haben. Wie ist es bei diesen ganz schwer aushaltbaren Gefühlszuständen, die du gerade beschrieben hast? Würdest du das auch da sagen?
Im Grunde genommen haben auch diese schweren Gefühle eine Funktion. Sie zeigen zum Beispiel, wie groß die Lücke ist, die der geliebte Mensch hinterlässt. Schmerz Ohnmacht und diese Hoffnungslosigkeit sind Ausdruck davon, welche große Bedeutung dieser Mensch auch für das eigene Leben hatte. Und diese schmerzhaften Gefühle, die würdigen sozusagen die Beziehung und machen sichtbar, dass da etwas ganz Existenzielles weggebrochen ist.
Ja, diese Gefühle zeigen das Vermissen sehr deutlich. Du fehlst mir so sehr. Es klingt erstmal schwer, aber ich finde es andererseits auch hilfreich, das so zu sehen. Die Gefühle sind nicht sinnlos Sie sind eine Art Ausdruck der Liebe und der Verbundenheit, und am Anfang ist die Verbindung zum Verstorbenen am besten über den Schmerz spürbar, und mit der Zeit wird dann ein liebevolles Erinnern mehr und mehr möglich, ohne dass es gleichzeitig immer so weh tut.
Das ist etwas, was sich viele Betroffene anfangs gar nicht vorstellen können, dass es jemals leichter werden kann, was sagst du ihnen? Am Anfang ist es ja oft wirklich unvorstellbar, dass sich da jemals was verändern könnte. Und trotzdem gibt es da schon oft kleine Momente, in denen es gelingt, sich abzulenken zum Beispiel.
So Momente, in denen man sich etwas Gutes tun kann. Einfach kurze Auszeiten in denen der Schmerz nicht im Vordergrund steht. Und diese Momente gilt es erst mal sich zu erlauben, weil sie helfen beim Überleben und diese kleinen Auszeiten von der Trauer sind einfach wichtig, um zwischendurch auch ein bisschen Kraft zu schöpfen.
Das bedeutet jetzt aber nicht, dass man dabei ist, den verstorbenen geliebten Menschen zu vergessen. Davor haben ja viele Angst gehabt. Sondern es zeigt, dass unser System, also unsere Psyche dabei ist, Wege zu entwickeln mit dem Verlust umzugehen. Was du da beschreibst, wird in einem Trauermodell ganz gut veranschaulicht finde ich nämlich dem dualen Prozessmodell Mit dem arbeiten wir ja ganz gerne und das erklärt genau dieses Pendeln zwischen zwei scheinbar widersprüchlichen Zuständen, oder?
Ja, genau, das ist so die Idee von einem Trauerprozess, in dem man so hin und her pendelt, also zwischen zwei Seiten. Der verlustorientierten Seite, wo man all die schmerzlichen Gefühle wahrnimmt und wo es aber auch um liebevolles Erinnern später dann geht. Ja, und dann die wiederherstellungsorientierte Seite.
Da geht es darum, sich mit dem Leben, ohne den verstorbenen geliebten Menschen auseinanderzusetzen Es geht erstmal um Ablenkung und dann um das Bewältigen von Alltagsaufgaben, auch dann darum, mal Neues auszuprobieren und irgendwann dann auch darum, neue Perspektiven aufzubauen. Und man pendelt da ständig zwischen beiden Seiten hin und her, so im ganz individuellen Rhythmus und Tempo.
Dieses Bändeln ist also ein gesunder Anpassungsprozess. Trauern dann sich ablenken, Kraft schöpfen, Neues gestalten. Trauer ist ja kein linearer Weg, sondern eben ein Wechselspiel zwischen Schmerz und Neubeginn. Und dieser Weg, der zwar nicht linear ist, sondern in vielen Aufs und Abs und Hin und Hers verläuft, der führt dann irgendwann dazu, dass man die Verlusterfahrung integrieren kann, oder?
Ja, ich würde auch sagen, die Trauer, die verändert sich auf jeden Fall und es bleibt nicht für immer so schwer und so aussichtslos. Für viele Menschen ist es irgendwann nicht mehr etwas so Belastendes, sondern mehr so ein liebevolles Erinnern und eine Verbindung, die sich stimmig anfühlt. Ich finde, das ist eine sehr tröstliche Perspektive, für die es sich hoffentlich lohnt, auch alles Schwere durchzustehen.
Danke Christina. Du hast uns jetzt einiges darüber erzählt, wie groß der emotionale Abgrund ist, der sich nach dem Tod eines wichtigen Menschen auftun kann und warum das so ist. Bei Weiterleben, Weiterlieben wollen wir ja aber nicht nur Wissen mitgeben, das ist natürlich auch sehr wichtig in der Trauer wir wollen aber auch konkrete Methoden zeigen, die helfen können, etwas mehr Boden unter die Füße zu bekommen.
In diesem Fall, wenn sich die Trauer von ihrer allerschwersten Seite zeigt.
Erstmal kann es ganz gut sein, nicht sofort gegen den Schmerz anzukämpfen. Also den erstmal da sein zu lassen, ihn als eine normale Reaktion auf einen schweren Verlust anzuerkennen. Und das aushalten zu lernen. Trotzdem ist es natürlich wichtig, für sich kleine Hilfen zu haben. Manchen Menschen tut es auch gut, so etwas wie einen Notfallplan zu haben.
Also zu wissen, wen kann ich anrufen zum Beispiel, wenn es gar nicht mehr geht. Oder auch ganz einfache Routinen, zum Beispiel ein Fenster aufzumachen, um mal ganz bewusst zu atmen oder zum Beispiel sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Das sind so kleine körperliche Reize, die einen dann wieder ins Hier und Jetzt holen können.
Und manchmal ist es eben auch hilfreich, Gefühle nach außen zu bringen. Hast du ein Beispiel, wie das aussehen kann? Ja, also für mich hat da zum Beispiel gut funktioniert das Schreiben, Dass man sich alles von der Seele schreibt, ohne groß nachzudenken einfach drauf losschreiben. Auch Bewegung in der Natur kann da sehr guttun.
Ich bin zum Beispiel oft einfach raus in den Wald gegangen, ohne konkretes Ziel, einfach gegangen, wohin mich meine Beine tragen wollten. Und wenn gerade niemand in Sichtweite war, dann habe ich manchmal auch Selbstgespräche geführt. Ja, wieder so etwas, das sich ganz schön verrückt anfühlt Aber es hat mir sehr gutgetan.
Da habe ich einfach ausgesprochen, was mich gerade belastet hat. Und ich habe auch schon öfter von Trauernden gehört, dass es ihnen guttut, den Schmerz laut aus sich heraus zu schreien. Also, dass man sich einen Ort sucht, wo einen niemand hören kann. Das Auto kann zum Beispiel so ein geschützter Ort sein, wo das gut funktioniert Eine andere Methode wirst du uns gleich genauer erklären, sodass man sie zu Hause für sich ausprobieren kann.
Das ist das Externalisieren. Eine recht bewährte Technik in der systemischen Therapie die auch in der Trauer sehr hilfreich sein kann. Falls ihr euch beim Zuhören nicht alle Schritte merken könnt, findet ihr die Anleitung auf unserer Homepage und den Link dazu in den Shownotes. Christina, worum geht es beim Externalisieren genau?
Ja, bei dieser Übung geht es darum, die Trauergefühle den Schmerz nach außen zu bringen und mit etwas Abstand genauer zu betrachten, sozusagen. Der Gedanke dahinter ist, dieses Gefühl ist ein Teil von mir, aber es ist nicht mein ganzes Ich. Und indem ich es nach außen bringe, kann ich anders damit umgehen.
Ich kann beobachten, ich Mit dem Gefühl in Kontakt treten und manchmal dann auch bewusst entscheiden, wie viel Raum ich diesem Gefühl jetzt gerade geben möchte. Es geht dabei aber nicht darum, dieses schwere Gefühl loszuwerden aber das Externalisieren schafft eben ein kleines Stück Abstand und dadurch können neue Wege im Umgang damit entstehen.
Die Übung kann man zum Beispiel in der Trauerbegleitung machen oder auch für sich alleine ausprobieren. Zuerst sucht man sich dabei einen Platz, wo man eben ungestört ist, und macht sich dort einmal bequem. Dann nimmt man ein paar tiefe, bewusste Atemzüge, um einfach mal im Hier und Jetzt anzukommen Gerne mit geschlossenen Augen, wenn das passend ist.
Und dann geht es einfach mal ums Wahrnehmen. Wahrnehmen, was da jetzt gerade für ein Gefühl präsent ist. Was ist es, was mich gerade beschäftigt Und dann richtet man die Aufmerksamkeit auf seinen Körper und fragt sich, wo spüre ich dieses Gefühl jetzt am stärksten? Das kann im Brustbereich sein oder im Bauch, im Hals oder irgendwo anders.
Und wie fühlt es sich dort an? Ist es ein Druckgefühl? Heiß oder kalt Vielleicht ist es stechend schwer oder leicht? Hat es eine Form? Oder eine Farbe vielleicht? Oder ist es in Bewegung oder eher starr? Es geht einfach darum, mal als Beobachter auf dieses Körpergefühl zu schauen, ohne es wegmachen zu wollen.
Einfach mal nur wahrnehmen im ersten Schritt. Und dann stellt man sich vor, dieses Gefühl aus dem Körper herausnehmen zu können. Und in einem Abstand der passend erscheint hinzustellen oder hinzulegen. Man darf selbst entscheiden, wo genau steht oder liegt es, neben mir, vor mir vielleicht, wie groß ist es, wie sieht es aus, also wenn es jetzt eine Gestalt oder eine Figur wäre, oder vielleicht ein Tier, eine Wolke oder ein Wesen, ein Schatten, ein Klumpen also alles ist möglich.
Man kann es benennen, wenn man möchte, kann man diesem etwas einen Namen geben. Und dann kann man damit in Kontakt treten, sich also vorstellen, man führt ein Gespräch damit, vielleicht innerlich vielleicht auch laut. Man kann zum Beispiel fragen, was willst du mir zeigen oder sagen, was ist deine Botschaft?
Worauf willst du mich aufmerksam machen oder vielleicht auch, wovor willst du mich schützen und dann einfach wahrnehmen, was sich zeigt. Vielleicht sind es Worte, vielleicht sind es Bilder oder einfach eher nur so ein Eindruck, so ein Impuls. Alles darf da sein. Dann kann man noch fragen, was brauchst du von mir?
Wie kann ich gut für dich sorgen, ohne dass du mich überwältigst? Und zum Abschluss gibt man dieser Figur oder dieser Gestalt, diesem Etwas, was auch immer es ist, noch einen neuen, passenden Platz, vielleicht irgendwo neben sich oder an einem sicheren Ort, wo es sein darf, ohne dass es einen überwältigt.
Und man kann jederzeit auch wieder damit in Kontakt treten, wenn man das möchte. Für Menschen, die mit solchen Übungen noch keine Erfahrung haben, klingt das jetzt wahrscheinlich sehr abstrakt Vielleicht sogar ein bisschen verrückt, aber es kann viel bewirken und wirklich gut tun. Und es hilft auch, weil es Abstand schafft.
Du bist nicht das Gefühl, sondern du hast ein Gefühl. Hast du vielleicht ein Beispiel aus der Begleitung, wie das Externalisieren aussehen kann? Gerne. Ich habe da ein Beispiel aus der Trauerbegleitung und auch die Erlaubnis der Klientin das da zu teilen. Bei ihr ging es um das Gefühl von Wut und sie hat das dann in der Übung zuerst eben in ihrem Körper gespürt am deutlichsten in Brust Hals und Kopf.
Sie hat das beschrieben als einen starken Druck und als wir dieses Gefühl dann externalisiert, also ausgelagert haben, erschien es ihr wie so ein feuerroter Tintenklecks so hat sie das beschrieben ungefähr einen halben Meter groß. Und der lag dann vor ihr auf dem Couchtisch, schleimig und ist überall hingeflossen war nicht aufzuhalten.
Und die Botschaft von diesem Tintenklecks, das war dann ganz spannend, er hat zu ihr gesagt, pass auf dich auf. Und schließlich hat dieser Tintenklecks dann noch einen neuen Platz bekommen, und zwar auf ihren Schultern Sie hat gesagt, es ist jetzt wie ein Umhang wie so ein Schal, der sie schützt. Ja, wow, das sind sehr starke Bilder, die da aufgetaucht sind.
Danke für diesen Einblick.
Sehr gern.
Christina, wie alle Gäste hier im Podcast, darfst du zum Abschluss eine Karte mit einer Impulsfrage ziehen und uns sagen, welche Antwort dir spontan in den Kopf kommt. Bitte einmal wählen. Hm. Wenn du dir ein Krafttier aussuchen könntest, welches würde gerade besonders zu dir passen? Eine gute Frage. Ich glaube, da würde ich jetzt die Schildkröte nehmen.
Mit ihrem starken Panzer auf dem Rücken und mit dieser Langsamkeit, die sie mitbringt. Ich glaube, die passt gerade zu mir.
Sehr coole Tiere, die verbindet man ja auch mit sehr viel Weisheit. Danke Christina, dass du deine beruflichen und auch persönlichen Erfahrungen mit uns geteilt hast und dass dabei sehr deutlich geworden ist, welche zum Teil extremen Zustände in der Trauer normal sind, auch wenn sie sich ganz und gar unnormal und unerträglich anfühlen.
Und danke euch, die ihr gerade zuhört fürs Dabeisein und Einlassen. Ich hoffe, dass nicht nur die ein oder andere Idee bei euch gelandet ist, was ihr in den ganz schweren Momenten für euch tun könnt, sondern vielleicht auch ein kleines Stück Zuversicht, dass diese Momente seltener und leichter werden. Und wenn ihr merkt, dass gar keine Hoffnung Platz hat, dann bleibt bitte, bitte nicht allein damit.
Ihr seid es nicht. Es gibt Menschen, die euch helfen können, das Unaushaltbare auszuhalten und ein Stück weiterzugehen. Wenn ihr eure Erfahrungen mit uns teilen wollt oder Fragen habt, schreibt uns gerne auf Instagram oder per Mail an post@nicolaidis-youngwings.de In der nächsten Folge spreche ich mit meiner Kollegin Birgit Frank über den Elefanten, der nach einem Verlust leider sehr oft den Raum betritt.
Warum tut sich das Umfeld manchmal so schwer, über den Verstorbenen und die Trauer zu sprechen? Warum zerbrechen Freundschaften und verändern sich viele Beziehungen? Wie umgehen mit den gut gemeinten Ratschlägen, den absurden Erwartungen und dem wertenden Blick der anderen? Wir freuen uns, wenn ihr bei dieser Folge wieder dabei seid.
Bis dahin passt gut auf euch auf.