Ängste in der Trauer | Verankern im Hier und Jetzt

Shownotes

Angst ist ein Gefühl, das viele junge Trauernde kennen – und das nach dem Tod eines geliebten Menschen in ganz unterschiedlicher Form auftauchen kann. Laut oder leise, als Panik, innere Unruhe oder ständige Sorge um die Zukunft. In dieser Folge von "Weiterleben Weiterlieben" thematisieren wir, warum Ängste nach einem schweren Verlust eine normale Reaktion auf Ohnmacht und Erschütterung sind und was sie uns eigentlich sagen wollen. Wie immer gibt es Ideen an die Hand, was im Umgang helfen kann. Impuls für euch: eine Achtsamkeitsübung, um sich ins Hier und Jetzt zurückzuholen.

Host Lisa spricht mit ihrer Kollegin Nina Silber darüber, welche Formen von Angst Trauernde besonders häufig erleben, wieso das Nervensystem Alarm schlägt und warum Angst eigentlich ein Schutzprogramm ist. Gemeinsam schauen sie darauf, was im Alltag helfen kann, wenn Ängste sehr präsent sind, und wann es sinnvoll ist, sich Unterstützung zu holen.

MEHR ZUM THEMA

Weitere Übungen zur Unterstützung bei Ängsten und anderen schweren Trauergefühlen gibt es in diesem Buch: Thomas Achenbach - Das ABC der Trauer. 77 Impulse und Rituale für Trauernde

WER WIR SIND

Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit vielen Jahren junge Menschen in einer der schwersten Phasen ihres Lebens – in der Trauer um einen geliebten Menschen. Wir wissen, wovon wir reden, auf professioneller Ebene und aus eigener Erfahrung.

Gastgeberin Lisa arbeitet als systemische Beraterin bei der Stiftung, außerdem ist sie Wissenschaftsjournalistin bei Nerdpol. Zu Gast in dieser Folge ist die Trauerbegleiterin Nina Silber. Sie unterstützt junge Menschen nach einem schweren Verlust in Einzelgesprächen und Gruppenformaten.

GUT ZU WISSEN

🖤 Wir sind für junge Trauernde da: www.nicolaidis-youngwings.de/angebote

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IM HINTERGRUND

Redaktion: Sonja Schwalb

Technik & Sound: Henning Hoffmann-Heyden

Förderung: Dieser Podcast wird gefördert durch die Landeshauptstadt München – Münchner Sozialstiftung

Transkript anzeigen

 Wenn ein Mensch stirbt der für das Leben zentral war, Fühlt sich die Welt manchmal an, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Und in dieser Dunkelheit kann was auftauchen, das viele nicht erwarten würden. Angst. Manchmal laut, panisch überwältigend, manchmal subtil und still, als Ziehen im Bauch als Nervosität als Gefühl, dass jederzeit was Schlimmes passieren könnte.

Diese Ängste tauchen in ganz unterschiedlicher Gestalt auf, als Verlustängste, Existenzängste oder Zukunftsängste. Und sie sind eine normale Reaktion auf eine riesige Erschütterung, auf den Verlust von Halt, von Orientierung, von einer Verbindung die das Leben getragen hat. Je besser man versteht warum sie auftauchen, desto leichter wird es, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen und wieder Vertrauen ins Leben zu entwickeln.

Und damit herzlich willkommen zu Weiterleben, Weiterlieben. Ich bin Lisa, Journalistin, Trauerbegleiterin und systemische Beraterin bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung. Bei mir ist heute meine Kollegin Nina Silber, die uns Ideen gibt, wie man mit Ängsten so umgehen kann, dass sie einen nicht handlungsunfähig machen und lähmen.

Nina hat Germanistik und Theologie studiert und diverse Fortbildungen rund um die Themen Trauer und Trauma besucht. In der Stiftung begleitet sie Menschen nach schweren Verlusten im Gruppen- und im Einzelformat. Hallo Nina, schön, dass du da bist.

Ja, hallo Lisa. Ich freue mich auch.

Nina, wir beginnen diesen Podcast ja mit der immer gleichen Frage, die heute auch an dich geht. Was hast du über Trauer gelernt?

Bei jedem Erstgespräch denke ich mir eigentlich immer wieder, was für unzumutbare Schicksale uns da begegnen. Und gleichzeitig, das sollte jetzt nicht zynisch klingen, bin ich dann in den Begleitungen erstaunt, was der Mensch aushält. Auch wenn es oft lange dauert wenn man lange meint, da wird jetzt nichts anders, da verbessert sich nichts, merkt man mit der Zeit, dass irgendwie doch was leichter wird.

Für manche Trauernde entsteht nach einem schweren Verlust das Gefühl, das Schlimmste ist passiert, jetzt kann mir nichts mehr irgendwas anhaben. Andere wiederum entwickeln starke Ängste. Warum ist das so?

Interessanterweise habe ich gestern in meiner Trauergruppe diese Frage gestellt und Mir ist aufgefallen, das hält sich auch hübsch die Waage. Also da gibt es die einen, die haben keine Ängste mehr, weil sie sagen, ihnen ist jetzt schon das Allerschlimmste passiert. Und dann gibt es die andere Gruppe die wesentlich mehr Ängste auszuhalten hat in der Trauer, was für mich völlig nachvollziehbar ist. Es ist einem das. Wirklich das Schlimmste im Leben passiert.

Das ganze System ist in Unruhe versetzt. Man ist völlig instabil und gerade dann am Anfang merke ich immer wieder, wenn man so peu a peu dieses Kartenhaus wieder so ganz sachte aufgebaut hat, hat man umso mehr Angst, dass auch noch der leiseste Windhauch dieses Kartenhaus wieder zum Einsturz bringen könnte.

Im Grunde ist der ganze Körper in der Trauer in Alarmbereitschaft Das ganze Nervensystem ist wie überregt. Das kann sich in einer inneren Unruhe ausdrücken, in Schlaflosigkeit, Verspannungen, Herzrasen und und und. Das sind sehr unangenehme Gefühle und trotzdem aber eine ganz normale Reaktion auf ein schweres Erlebnis.

Du hast gerade erzählt, Ängste sind auch Thema bei dir in der Trauergruppe Welche Arten von Ängsten begegnen dir da besonders häufig, vielleicht auch besonders bei jungen Menschen?

Ich begleite ja Frauen vorwiegend die ihren Partner in der Schwangerschaft verloren haben und da ist natürlich erst einmal die Angst um das ungeborene Kind und dann später um das Baby und das Kleinkind, aber auch so ganz reale Existenzängste kommen da dazu.

Der Partner, der zuvor für die Familie gesorgt hätte oder gesorgt hat, ist jetzt nicht mehr da. Aber auch bei allen anderen Verlusten sind Ängste ganz normal. Zukunftsängste, Verlustängste, Angst vorm Alleinsein, Angst auch vor unkontrollierbaren Gefühlen oder Angst vor Überforderung. Und was uns auch immer wieder begegnet, ist die Angst, womöglich jetzt selbst zu erkranken und zu versterben.

Hast du das auch selbst erlebt, als dein Mann plötzlich verstorben ist und du mit deiner ersten Tochter schwanger warst?

Ja, natürlich. Ich habe am Anfang schlichtweg Angst gehabt, dass womöglich das Kind nicht gesund auf die Welt kommen könnte. Die Vorstellung, nochmal irgendeinen Schicksalsschlag jetzt aushalten zu müssen, zu dem, dass mein Mann verstorben ist, das hat sich sehr erdrückend angefühlt.

Und als sie dann, also wir haben eine Tochter bekommen, Gott sei Dank gesund zur Welt gekommen ist und da alles gut gegangen ist, habe ich die Angst schlecht weg gehabt, dass ich nicht gut für sie sorgen könnte. Und habe gemerkt, ich habe einfach Angst vor der Trauer selber. In mir hat sich so ein bisschen die Vorstellung festgemacht, ich würde irgendwann am Boden liegen und könnte nicht mehr für mein Kind da sein.

Und ich wollte aber halt unbedingt für unsere Tochter eine gute Mama sein und stabil dastehen. Und erst so mit den Wochen und Monaten habe ich dann festgestellt, dass sich diese Angst aber auch nicht mehr wahrhaltet hat.

Das heißt, du hast da wieder mehr Vertrauen in dich selber gewonnen?

Ja, genau. Das hat einfach Zeit gebraucht.

Angst ist ja ein sehr starkes vereinnahmendes Gefühl, dem man sich ja auch ausgeliefert vorkommt. Was hat dir geholfen, sie auszuhalten und eben langsam wieder Vertrauen zu fassen?

Ich habe festgestellt man muss sich selbst in der Trauer erst einmal kennenlernen Und da entdeckt man natürlich auch Seiten an sich, die man so nicht mag oder die man so vorher nicht an sich kannte.

Vielleicht ist man plötzlich recht ängstlich, was man früher nie war. Gut ist es, erst einmal wirklich als Teil des Trauerprozesses anzuerkennen und dann damit einen Umgang zu finden. Letztlich hilft dann die eigene Angst ja vielleicht dabei, sich selber Unterstützung zu holen und Strukturen aufzubauen Die einen zum Beispiel vor so einem Zusammenbrechen bewahren könnten.

Ich persönlich habe mir zum Beispiel erlaubt jede Hilfe anzunehmen, die mir geboten worden ist. Ich habe auch früh gelernt, meine Tochter abzugeben weil ich einfach festgestellt habe, als trauernde Mama kann ich nicht sieben Tage die Woche, 24 Stunden für das Kind da sein. Letztendlich sollte man seine Angst nicht als Schwäche sehen, sondern eher wie ein biologisches Schutzprogramm.

Das heißt, die Angst meint es eigentlich gut mit uns?

Ja, wahrscheinlich schon. Auch wenn Angstgefühle meines Erachtens wirklich zu den unangenehmsten in der Trauer gehören. Wie andere Gefühle in der Trauer zeigt einem aber die Angst, wie sehr einem halt der andere fehlt, wie wichtig er für mich war. Sie zeigt einem einfach, wie verletzlich man gerade ist.

Und sie bewahrt dann davor, nicht zu schnell voranzugehen, sondern sich beim Trauern auch Zeit einzugestehen Und zwar so viel Zeit, dass das Ganze auch wieder gut verarbeitet werden kann. Dadurch gelingt es einem vielleicht auch leichter deutlich zu machen, mit was man gerade überfordert ist oder was die Gesellschaft jetzt gerade nicht von einem erwarten kann.

Das heißt, sie ist auch ein guter Indikator dafür, wo man Grenzen setzen muss und was man gerade braucht und welche Bedürfnisse gerade wichtig sind.

Ja, unbedingt.

Das klingt, als wäre es gut, Ängste anzunehmen statt abzuwehren und erst mal da sein zu lassen, was sicher nicht leicht ist. Kann man darauf vertrauen, dass sie irgendwann von alleine kleiner werden? Was würdest du sagen, wie verändert sich das mit der Zeit?

Wahrscheinlich wie andere Gefühle in der Trauer auch kommt sie wellenförmig und noch viel wichtiger, die Gefühle werden auch wieder leichter sie werden auch wieder kleiner. Man kann sich vielleicht dazu das Bild vorstellen von einem großen Stein, der ins Wasser plumpst und der Stein würde in dem Fall den Verlust symbolisieren.

Erst einmal ist das Wasser drumherum in Aufruhr gebracht, es gibt Wellen so kreisförmige Ringe und erst mit der Zeit wird auch die Wasseroberfläche wieder schön langsam ruhiger. Manche berichten sogar davon, dass sie sich nach dem Trauerprozess noch stärker gefühlt haben. Resilienter vielleicht.

Du hast jetzt beschrieben, dass Ängste ein ganz normaler Teil von Trauerprozessen sind und häufig vorkommen. Wann ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu holen? Braucht es die manchmal im Umgang mit Ängsten?

Ja, also wie gesagt, dass Ängste in der Trauer durchaus dominanter auftreten, ist ganz normal. Und eine professionelle Unterstützung braucht es dafür nicht immer. Aber es ist auch nichts Falsches daran, sich professionelle Unterstützung zu suchen.

Wo man sich aber schlichtweg erlauben sollte, professionelle Hilfe zu suchen, ist, wenn einem die Angst am Leben hindert. Schwierig wird es zum Beispiel, wenn man sich so gar nicht mehr vor die Tür traut oder generell Menschen vermeidet, keine Beziehungen mehr eingehen kann. Und Panikattacken kennen wir in der Trauer ebenfalls als eine normale Reaktion Wenn sie aber immer wieder kommen, sollte man sich helfen lassen.

Genauso ist es mit Schlafproblemen Schlafprobleme sind ja durchaus ein gängiges Begleitsymptom in der Trauer, was daran liegt, dass vielleicht an Ängste wachhalten, dass man vor lauter Sorgen kein Auge zubekommt. Wenn es aber dann dazu kommt, dass man überhaupt keinen vernünftigen Wachschlafrhythmus mehr findet, dann sollte man sich ja auch nicht mehr zu lange warten, sich Hilfe zu suchen.

Wie in den vergangenen Folgen immer wieder mal angesprochen, ist natürlich professionelle Unterstützung zwingend notwendig wenn Suizidgedanken immer wiederkehren, beziehungsweise wenn sie sich schon in sehr konkrete Vorstellungen oder Fantasien zeigen. Oder wenn man in den Substanzmissbrauch rutscht, um sich abzulenken oder zu beruhigen.

Also Hilfe zu suchen ist ja kein Zeichen von Schwäche Sondern eigentlich eine große Fähigkeit, gut für sich selber zu sorgen.

Wenn die Situation noch nicht zu erdrückend ist, kann man ja auch selbst einiges für sich tun. Was ist deine Erfahrung? Was konkret hilft, wenn Ängste gerade sehr präsent sind?

Das ist individuell sehr verschieden.

Ich denke mal, kognitiv dem Angstgefühl etwas entgegenzuhalten, kann schon mal sehr hilfreich sein. Also ich persönlich lese bis heute immer wieder mal Sterbeanzeigen damit auch mein Kopf versteht. Normalerweise sterben die Menschen hierzulande in einem hohen Alter. Und vielleicht sollte man das tun, was man schlichtweg tun kann, um wieder ein bisschen Sicherheit unter seinen Füßen zu spüren dass man sich um ein Testament kümmert um eine Vorsorgevollmacht eine Patientenverfügung dass man mit der Familie spricht, wer würde denn die Kinder im Falle des Falles nehmen.

Eine Trauernde hat das gestern für mich finde ich, sehr gut auf den Punkt gebracht, dass Angst im Grunde das Bedürfnis nach Kontrolle aufgreift. Man musste ja erleben, dass nicht alles im Leben verhindert werden kann und das auszuhalten ist wirklich sehr, sehr schwierig.

Und was kann man tun, wenn sich die Ängste von diesen rationalen Schritten nicht beeindrucken lassen und einem trotzdem die Brust abschnüren?

Wenn einem die Angst zum Beispiel gerade nachts überfällt, kann die Stopptechnik Ängste durchbrechen. Man sagt sich dabei laut oder innerlich Stopp und lenkt die Gedanken wieder auf ein netteres Bild, auf eine schönere Erinnerung. Oder manchen hilft auch ein absurdes Lied vor sich hin zu trällern. Da hat kürzlich eine Kollegin von mir erzählt, dass immer wenn sie Ängste in der Nacht hat, dann singt sie das sehr absurde Lied Finger in den, Mexiko.

Ich habe diese Vorstellung sehr lustig gefunden und habe mir gedacht, ja da passen natürlich in der gleichen Zeit keine Angstgedanken in den Kopf rein. Oder ein verlangsamtes, bewusstes Atmen ist eine gute Notfallübung. Gut ist auch, wenn man einen Notfallplan für die Angst hat. Wen rufe ich an, wenn die Ängste zu übermächtig werden?

Und alles, was dem Körper gut tut, gibt einem auch langsam wieder das Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit zurück. Und das können ganz einfache Sachen sein. Also, dass man sich regelmäßig an der frischen Luft bewegt. Eine warme Suppe ein warmer Tee, ein bisschen Dehnung vom Körper, eine heiße Dusche. So verliert sich das Angstgefühl dann wieder so ein bisschen.

Was hat dir selbst geholfen nach dem Verlust von deinem Mann?

Mir persönlich hat vor allem geholfen, da ganz offen damit umzugehen und darüber zu sprechen. Ich habe festgestellt, dass andere Trauernde ganz genauso ergeht wie mir und das war für mich schon mal sehr entlastend. Und dann habe ich mir ein sehr enges Sicherheitsnetz gespannt.

Mir war es wichtig, Woche für Woche zu planen und zwar immer nur erst einmal die nächste Woche. Und da habe ich mir am Montag vorgenommen, mit einer Freundin einen Kaffee zu trinken. Am Dienstag habe ich mich von einem Kollegen zum Abendessen einladen lassen und am Mittwoch vielleicht einen Physiothermin drin gehabt.

Und somit war dann wieder eine Woche geschafft. Und so mit der Zeit habe ich festgestellt, dass ich dieses sehr eng gestrickte Sicherheitsnetz so nicht mehr brauche, sondern dass mir vielleicht auch schon reicht, dass ich weiß, in zehn Tagen kommen meine Eltern wieder und helfen mir mit dem Baby. Und dann hat sich das so langsam auch wieder gelöst.

Das klingt auch, als hättest du da sehr tolle Menschen um dich herum gehabt. Das ist ja leider nicht immer so.

Ja, das stimmt wohl.

Nina, wir haben die Angst jetzt theoretisch umkreist gelernt, woher sie kommt und was sie will. Du hast im nächsten Schritt eine praktische Übung für uns dabei, die hilft, in der akuten Panik wieder etwas mehr Boden unter die Füße zu bekommen.

Das könnt ihr tun.

Angst ist ja immer was, was auf Zukunft gerichtet ist. Eine Prognose, eine Befürchtung eine Hypothese, dass irgendwas Schlimmes passieren könnte. Und die Methode, die ich heute mitgebracht habe, die sollte im Grunde dieses Gedankenspiel durchbrechen dass man sich wieder mehr auf seine Sinne konzentriert sich im Hier und Jetzt verankert.

Das ist eine ganz einfache alltagstaugliche Achtsamkeitsübung. Und die kann man wirklich auch überall anwenden. Sie nennt sich die 5-4-3-2-1-Methode und soll dazu führen, dass man eben die Aufmerksamkeit weg von den Sorgen richtet und hin wieder auf seine Sinne lenkt. Wenn wir das jetzt hier in diesem Raum ausprobieren würden, dann wäre die erste Frage 5 Dinge, die du sehen kannst.

Und da sehe ich die Wasserflasche vor mir, dann die Lampe in der Ecke. Einen Teppichboden, einen Tisch. Das reicht dann auch schon. Dann sind es vier Dinge, die man fühlen oder spüren kann, also auf taktile Empfindungen zu gehen. Das ist einmal der Stuhl auf dem ich sitze.

Eine Haarsträhne, die im Gesicht kitzelt.

Genau, oder jetzt in meinem Fall die Füße, die viel zu kalt geworden sind. Ein Luftzug. Und dann kommen drei Dinge, die man hören kann. Also Geräusche sowohl nahe als auch ferne, laute oder leise. Da ist immer wieder die Straßenbahn, die hier vorbeifährt.

Leute, die am Flur entlang laufen, höre ich.

Und ansonsten ist es hier aber auch recht ruhig kann man auch feststellen.

Und dann sind es noch zwei Dinge, die man riechen kann. Und wenn man jetzt keinen ganz deutlichen Geruch wahrnimmt, dann kann man bewusst mal an seiner Kleidung riechen. Oder vielleicht auch einen Kaffee-Duft, wenn man seine Kaffeetasse vor sich stehen hat. Und am Schluss eben noch eine Sache, die man schmecken kann.

Und manchmal schmeckt man im Grunde auch nicht viel und merkt halt nur, man hat einen relativ neutralen Mundgeschmack. Und es geht auch nicht darum, dass man jetzt da ganz konzentriert alle Dinge fein zauberlich abarbeitet, sondern wenn man auch merkt man wird da immer unkonzentrierter oder man benennt manchmal Dinge mehrfach, das ist eigentlich nur ein gutes Zeichen, dass man schon so ein bisschen wieder in die Entspannung kommt und diese Angstgefühle also diese Anspannung auch wieder nachlässt.

Ich habe jetzt schon gemerkt, in dem kurzen Moment, wo wir die Übung so ein bisschen ausprobiert haben, man ist so ganz auf die Gegenwart konzentriert.

Genau, also eben weg von der Zukunft, zurück wieder in die Gegenwart und auch ein bisschen ins Außen also nicht so sehr bei seinen innersten Angstattacken zu bleiben, sondern das Grübeln wirklich zu stoppen und in irgendeiner Weise wieder sich mehr im Hier und Jetzt zu verankern.

Und gleichzeitig ja auch im Körper, das sind ja auch Körperwahrnehmungen. Das heißt, man ist schon bei sich aber auf einer anderen Ebene wieder.

Ja, genau. Man beruhigt im Grunde sein Nervensystem durch Sinnesfokussierung und damit kommt unmittelbar ein Gefühl von Kontrolle und Präsenz wieder zurück.

Danke Nina, das ist sehr spürbar.

Nina, du kennst wahrscheinlich schon unser Abschiedsritual. Jeder Gast, jede Gästin darf eine von diesen Karten hier ziehen. Auf denen stehen verschiedene Impulsfragen. Und mich würde natürlich interessieren was dir spontan dazu einfällt. Welche magst du nehmen?

Spannend.

Bitte vorlesen.

In welcher Landschaft fühlst du dich am wohlsten?

Das ist bei mir nicht schwierig. Ganz in der gut bayerischen Landschaft bei uns mit Bergen und Seen Da fühle ich mich sehr beheimatet.

Danke Nina für deine Zeit, deine Erfahrungen und deine Gedanken. Und danke euch da draußen fürs Dabeisein und Zuhören. Ich hoffe, wir konnten euch zeigen, dass Ängste nach einem Verlust kein Zeichen dafür sind, dass man schwach oder kaputt ist.

Sondern dass ein Schutzprogramm anspringt, in einer Situation, in der alles erschüttert ist. Es darf Zeit brauchen, bis das Vertrauen ins Leben wiederkommt. Und es gibt Hilfe, wenn das nicht nach und nach passiert. Und während ihr euch Schritt für Schritt vorantastet, vergesst bitte nicht, mitfühlend mit euch selbst zu sein.

Trauergefühle und Angstzustände sind wahnsinnig kraftraubend. Wenn ihr Fragen habt oder eure Erfahrungen mit uns teilen wollt, meldet euch gerne auf Instagram oder per Mail an post@nicolaidis-youngwings.de. Beim nächsten Mal widmen wir uns dem Thema Erinnerungen Mit meiner Kollegin Sophia Pflugfelder spreche ich darüber, welches Geschenk und welche Last sie sein können und wie man sie für sich gestalten kann.

Wir freuen uns, wenn ihr wieder mit dabei seid. Bis dahin passt gut auf euch auf.