Erinnerungen | Ein guter Platz für die gemeinsame Geschichte
Shownotes
„Das Leben ist vergänglich, was bleibt, sind die Erinnerungen.“ Solche Sätze stehen oft in Traueranzeigen. Erinnerungen gelten als tröstlich, als Brücke zu dem Menschen, den wir verloren haben. Gleichzeitig können sie schmerzen, Ängste auslösen oder Druck erzeugen. Welchen Raum brauchen die Erinnerungen im eigenen Leben? Was hilft, wenn belastende Bilder immer wieder auftauchen? Und können kostbare Erinnerungen mit der Zeit verloren gehen? Impuls für euch: ein Erinnerungsglas, um der gemeinsamen Geschichte einen guten Platz zu geben.
In dieser Folge von "Weiterleben Weiterlieben" sprechen Host Lisa und Trauerbegleiterin Sophia Pflugfelder über die vielschichtige Bedeutung von Erinnerungen im Trauerprozess. Gemeinsam gehen sie der Ambivalenz von Erinnerungen nach: Warum sie anfangs oft kaum auszuhalten sind. Wann sie zu einer Art Schatzkiste und Kraftquelle werden. Welche Rolle Fotos, Gegenstände, Musik, Gerüche, Rituale oder bestimmte Orte spielen. Aber auch schwierige Erinnerungen werden in dieser Folge thematisiert: verpasste Versöhnungen, ungeklärte Beziehungen oder die Trauer um das, was nie mehr möglich sein wird. Zum Abschluss gibt Sophia Pflugfelder eine Übung mit, die dabei helfen kann, Erinnerungen einen guten, sicheren Platz zu geben.
- Trauer- und Erinnerungsbuch für Kinder: Irmi Riedl – Ich denke ganz oft an dich
- Buchtipp für Erwachsene: Roland Kachler – Für immer in meiner Liebe. Das Erinnerungsbuch für Trauernde
WER WIR SIND
Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit vielen Jahren junge Menschen in einer der schwersten Phasen ihres Lebens – in der Trauer um einen geliebten Menschen. Wir wissen, wovon wir reden, auf professioneller Ebene und aus eigener Erfahrung.
Gastgeberin Lisa arbeitet als systemische Beraterin bei der Stiftung, außerdem ist sie Wissenschaftsjournalistin bei Nerdpol. Ihre Kollegin Sophia Pflugfelder ist zertifizierte Trauerbegleiterin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie unterstützt junge Menschen nach dem Tod eines Elterneils oder beider Elternteile.
GUT ZU WISSEN
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IM HINTERGRUND
Redaktion: Sonja Schwalb
Technik & Sound: Henning Hoffmann-Heyden
Förderung: Dieser Podcast wird gefördert durch die Landeshauptstadt München – Münchner Sozialstiftung
Transkript anzeigen
Das Leben ist vergänglich. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Oder die Erinnerung ist wie ein Fenster, durch das wir dich sehen können, auch wenn du nicht mehr da bist. So oder so ähnlich klingen oft Zitate, die für Traueranzeigen oder Sterbebilder ausgesucht werden. Die Erinnerungen an einen geliebten verstorbenen Menschen haben offenbar für viele etwas sehr Tröstliches.
Diese inneren Filme und Bilder können aber auch großen Schmerz verursachen, Ängste auslösen oder Druck erzeugen. Wie also gibt man ihnen einen guten Platz im Leben? Können einem die kostbaren Erinnerungen über die Zeit verloren gehen? Und was tun mit den belastenden Momenten der gemeinsamen Vergangenheit, die sich auch im Gedächtnis tummeln?
Darüber sprechen wir heute bei Weiterleben, Weiterlieben. Wir, das sind in dieser Folge die Trauerbegleiterin Sophia Pflugfelder und ich, Lisa, Journalistin, Trauerbegleiterin und systemische Beraterin bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung. Wir beschäftigen uns heute damit, wie man mit Erinnerungen umgehen und sie gestalten kann.
Zum Abschluss bekommt ihr einige konkrete Ideen an die Hand, wie ihr sie für euren Trauerprozess nutzen könnt. Hallo Sophia, schön, dass du heute dabei bist.
Hallo Lisa.
Sophia, du unterstützt bei uns in der Stiftung Kinder und junge Erwachsene nach dem Tod eines Elternteils und du weißt auch aus persönlicher Erfahrung, was diese Art des Verlusts bedeutet. Was hast du über Trauer gelernt?
Dass die Trauer bewältigbar und integrierbar ist. Dass sie bleiben darf und nicht für immer diese erdrückende und sehr schwere Form behält, sondern dass sie auch ihre Gestalt ändern darf und uns tiefer mit dem Leben verbinden kann. Dass auch Dankbarkeit irgendwann spürbar sein kann und die Trauer uns bewusst machen kann, was uns wichtig ist im Leben.
In der ersten Zeit nach einem schweren Verlust spricht ja aus ganz vielen Gegenständen Orten, Liedern, Bildern die große Lücke und dieses nie mehr, nie mehr, nie mehr. Erinnerungen sind also sehr schmerzhaft und gleichzeitig auch schön und wichtig und manchmal sogar tröstlich. Erlebst du diese Ambivalenz, die mit Erinnerungen einhergeht, oft in den Begleitungen?
Ja, ich würde sagen, dass mir das häufig begegnet Also, dass die Erinnerungen uns ja mit dem Menschen, der gestorben ist und den wir geliebt haben, verbinden. Das heißt, dann sind sie schmerzhaft und dann sind sie aber auf der anderen Seite auch tröstlich und oft sind sie wirklich beides zugleich Gerade anfangs glaube ich, sind die Erinnerungen oft sehr schmerzhaft, weil sie eben die große Lücke, wie du sagst, so deutlich machen und so spürbar machen und die neue und eben nicht selbst gewählte Realität dadurch so deutlich wird. Es wird einem bewusst, dass man keine neuen Erlebnisse mehr dazugewinnen kann.
Manche Menschen versuchen dann, den Erinnerungen erstmal, so gut es überhaupt funktioniert, aus dem Weg zu gehen, oder?
Ja, genau. In der ersten Zeit unmittelbar nach dem Tod erleben es einfach viele Trauernde als zu überfordernd und zu schmerzhaft, sich mit den Erinnerungen auseinanderzusetzen. Oft ist es erst nach einer gewissen Zeit dann auch möglich, sich mit den Erinnerungen auseinanderzusetzen, und zwar dann, wenn es nicht mehr nur ums bloße Überleben geht. Und ich denke, mit der Zeit können sich diese Erinnerungen aber auch in einen Schatz verwandeln. Also wie so eine Schatzkiste, die man dann öffnen kann, wenn man die Verbindung spüren möchte. Und dann können die Erinnerungen auch was Kostbares sein. Dann können sie uns Kraft geben und den Blick nach vorne auch wieder ermöglichen.
Worin genau, würdest du sagen, liegt die große Kraft von Erinnerungen?
Ja, vielleicht können wir da das Beispiel einer Beerdigung nehmen. Da ist auf der einen Seite die ganz große Schwere und Traurigkeit, wenn man einen geliebten Menschen zu Grabe tragen muss.
Und dann gibt es auch die Momente danach, wenn alle zusammenkommen beim gemeinsamen Essen und sich erinnern und von dem verstorbenen Menschen erzählen. Ich glaube, das ist ein bisschen so, dass der verstorbene Mensch dann da sein darf und dass er in der Mitte spürbar ist. Mir hat auch mal eine Trauernde erzählt, dass es in ihrer Heimat nicht Leichenschmaus heißt, sondern der Tröster.
Und man kommt zusammen zum Tröster. Und das finde ich eine sehr schöne und stimmige Beschreibung. Daraus spricht ja, dass geteilte Erinnerungen ganz viel Verbindung erzeugen können. Ja, da gibt es ein sehr schönes Bild in einem Kinderbuch, das heißt Der Baum der Erinnerungen von Britta Teckentrup. Und das beschreibt, wie die Tiere alle sehr traurig sind, als der Fuchs gestorben ist, ihr Freund.
Und sie fangen an, ihre Erinnerungen zu teilen und erzählen sich von dem Fuchs. Und genau an der Stelle, wo der Fuchs lag, wächst dann durch das Erzählen der Erinnerungen ein Baum in seinen Farben Und dieser Baum ist dann für alle, die über ihn erzählt haben und eine Beziehung zu ihm hatten, ein Ort des Schutzes und der Verbundenheit.
Und ich denke, das können einem Erinnerungen auch bewusst machen, was man von dem der Verstorbenen gelernt hat, wie er oder sie einen geprägt hat, welche Spuren im eigenen Leben dadurch zu finden sind und auch in der eigenen Persönlichkeit Und das kann die Trauer dann auch zur Kraft werden lassen.
Menschen, die keine Verlusterfahrung haben, denken beim Thema Erinnerungen in der Trauer wahrscheinlich vor allem an Fotos und vielleicht drei, vier persönliche Gegenstände. Wie erlebst du das? In welcher Form erinnern sich Trauernde, die bei dir in der Begleitung sind, gerne oder oft?
Ja, die Formen sind sehr vielfältig, weil natürlich auch die Trauer sehr individuell und persönlich ist. Da sind schon auch natürlich die Fotos und die Erinnerungsbücher, die selbstgestalteten, die dann manchmal auch noch ergänzt werden können von Freunden und Verwandten Erinnerungen können aber genauso gut spürbar sein an bestimmten Orten oder durch bestimmte Gegenstände, die eine Bedeutung bekommen.
Seien es Kleidungsstücke, die der oder die Verstorbene getragen hat, Schmuckstücke, eigen kreierte Schmuckstücke, die einfach diesen Bezug und die Verbindung darstellen. Diese Gegenstände können eine sehr große Bedeutung bekommen. Und dadurch können Sie natürlich dann auch, wenn Sie verloren gehen sollten, auch einen erneuten Verlust bedeuten.
Was uns auch immer wieder begegnet in den Begleitungen ist, dass die Kleidungsstücke verarbeitet werden, dass daraus etwas Neues gemacht wird, zum Beispiel eine Patchwork-Decke, in die ich mich einkuscheln kann oder auch ein Kuscheltier oder ein Kissen. Natürlich kann Musik ganz besonders berühren und Erinnerungen hervorrufen Ebenso wie Gerüche.
Es können aber auch Gegenstände nach dem Tod eines geliebten Menschen sehr wichtig werden, einfach nur dadurch, dass er oder sie diese berührt hat. In einem Trauer-Podcast habe ich meine Frau gehört, die erzählte, dass sie einen Luftballon aufbewahrt, den ihr Partner aufgeblasen hatte, weil seine Atemluft noch darin war. Das hat mich damals beim Hören sehr berührt.
Manche Menschen brauchen ganz viele Erinnerungsstücke um sich, andere vermeiden sie auch über die erste Zeit hinaus und wollen möglichst wenig konfrontiert werden. Was glaubst du, ist beides normal und auch okay?
Ja, absolut. Da gibt es kein richtig oder falsch. Auch wenn die Umgebung uns das natürlich manchmal vermitteln möchte in Aussagen wie Du musst, du solltest. Für manche ist es wichtig, diesen festen Ort zu haben. Das können Fotos sein, Kerzen, Erinnerungsstücke oder auch immer wieder in einem Ritual so die Verbindung spürbar zu machen. Andere möchten möglichst die Trigger vermeiden, um den Schmerz eben nicht ständig neu zu erleben.
Und beides ist in Ordnung Was, wenn es auch die eigene Erwartung ist, dass man sich mit Erinnerungen auseinandersetzen sollte? Gibt es irgendeinen Punkt, an dem das wirklich wichtig wäre? Ja, grundsätzlich ist Druck in der Trauer nicht so hilfreich, weil die Trauer keinem festen Zeit- oder Phasenplan folgt, sondern sich halt ihren eigenen Weg sucht.
Da kann ein Müssen eher blockieren als unterstützen oder helfen. Es gibt auch Situationen, in denen es aber dann sinnvoll sein kann, Unterstützung zu suchen. Zum Beispiel wenn man nach längerer Zeit merkt, dass man keinerlei Erinnerungen zulassen kann oder der Schmerz einfach so überwältigend bleibt, dass er das eigene Leben stark einschränkt. Wenn die Vermeidung also auf Dauer viel Energie und Lebensqualität kostet, weil man Orte, Freunde, Situationen meidet, dann kann es gut sein, sich Hilfe zu holen und zu fragen, was könnte mir denn helfen, diesen Schmerz auszuhalten?
Und da gibt es Wege, Erinnerungen wieder zugänglich und erträglich gemacht werden können. Und auch wenn belastende, traumatische Erinnerungen immer wieder hochkommen, kann es gut sein, sich nach einer Therapie mit Trauer oder Traumaschwerpunkt umzusehen.
Wie war das bei dir persönlich, nachdem deine Mutter gestorben ist?
Welche Rolle haben Erinnerungen da für dich gespielt? Meine Mutter ist gestorben, als ich zehn Jahre alt war. Und damals habe ich versucht, einfach so normal wie irgendwie möglich weiterzumachen und die Erinnerungen kaum zuzulassen Es gab aber so einen bestimmten Ort für mich, der war ein Ort der Erinnerung.
Das war der Kleiderschrank meiner Mutter. Manchmal bin ich da hingegangen und habe mir einfach nur die Reihenfolge der Kleider angeschaut, wie sie sie hingehängt hat und mir dann vorgestellt, dass ihre Hände sie berührt haben, und ich habe an der Kleidung gerochen, um ihr nahe sein zu können. Ich habe sehr damals daran festgehalten, dass dieser Schrank als Erinnerungsort für mich bleiben kann.
Wahrscheinlich war es auch die Angst vor einem erneuten Verlust die Angst dann vielleicht auch die Erinnerung an ihren Geruch verlieren zu können. Und gerade das kann natürlich herausfordernd sein in Familien, wenn da unterschiedliche Bedürfnisse da sind. Wenn der eine Teil der Familie das Museum erhalten möchte und der andere Teil der Familie es aber hilfreicher fände Wenn der Ort neugestaltet werden könnte und Veränderung auch einziehen darf.
Hat sich dieses Bedürfnis für dich auch über die Jahre verändert?
Ja, das würde ich schon so sagen. Ich denke, als ich mich intensiver mit der Trauer auseinandersetzen konnte... Hat sich dann was verändert. In dem Moment konnte ich dann den Schrank auch ausräumen und diese Veränderung annehmen. Und letztlich hat mir diese Erfahrung auch gezeigt, dass Trauerprozesse sehr individuell sind und dass es gut sein kann, wenn Raum und Zeit für diese sehr unterschiedlichen Wege des Erinnerns und des Verarbeitens da sein können.
In der Trauerbegleitung wird ja oft mit Erinnerungsritualen gearbeitet. Da wird genäht geschrieben, gemalt, geklebt. Welche Funktion hat dieses Gestalten von Erinnerungen aus deiner Sicht?
Ich denke, das sind zwei Richtungen. Zum einen ist es die Realisierung Es wird einem bewusst, dass sich die Erinnerungen auf die Vergangenheit beziehen, und das heißt, dass keine neuen Erlebnisse mehr dazukommen und wieder zu Erinnerungen werden können, die eigene Schatzkiste also nicht mehr weiter befüllt werden kann.
Und es hat auch den Aspekt, dass die aktive Arbeit mit Erinnerungen auch bedeutet, sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen. Und den Verlust zu verarbeiten, also da steckt ja auch das Wort Arbeit drin, was eben auch eine gewisse Anstrengung bedeutet. Und sich zu fragen, was hat denn dieser Verlust in meinem Leben verändert? Wie hat der Verlust auch mich verändert? Und dann gibt es auf der anderen Seite den Aspekt und ich würde sagen, das ist so die zweite Richtung, dass wir im Erinnerungen gestalten auch wieder Bezug nehmen können auf die Beziehung, die zwischen uns beiden bestand und daraus wieder Kraft zu schöpfen und den Blick zu richten auf das, was gemeinsam entstanden ist, was erlebt wurde, wie ich durch diesen Menschen geprägt wurde.
Ist es wichtig, das so anzugehen wie du es gerade beschrieben hast und Erinnerungen aktiv eine Form zu geben oder kann es auch reichen, sie einfach in Anführungszeichen zu haben?
Das ist sehr individuell. Also ich würde sagen, es gibt Menschen, die haben einfach ihre Erinnerungen in sich und tragen die sicher und fest in sich und die haben gar kein Bedürfnis nach dem eigenen Gestalten Und dann kann es für andere sehr hilfreich sein, in dieses Tun zu kommen, denn der Tod beraubt uns ja unserer Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten.
Wir dürfen eben nicht mitentscheiden, es wird einfach entschieden. Und an diesem Punkt kann das eigene Gestalten eines Erinnerungsstückes oder eben eines Rituales auch wieder so ein Stück Handlungsspielraum zurückgeben. Dann wird es wieder möglich, ins Tun zu kommen. Und im Gestalten können auch die inneren Gefühle spürbar werden und zu einer äußeren Form finden. Wir sagen dazu ganz gerne, dass das, was sich uns eingedrückt hat, der Eindruck, auch wieder einen Ausdruck finden kann.
Nun sind ja längst nicht alle Erinnerungen schön. Vielleicht gab es Konflikte oder schwierige Phasen vielleicht heftige Bilder aus der Krankheitszeit oder vom Sterben. Was hilft, damit umgehen zu können?
Ja, ich denke, diese belastenden Erinnerungen gehören auch dazu. Es gibt wohl kaum eine Beziehung die frei ist von Konflikten oder schweren Phasen. Und oft haben vielleicht gerade diese Phasen auch zur Entwicklung und Tiefe der Beziehung beigetragen. Beim Erinnern dürfen wir ganz bewusst wählen, worauf wir den Fokus legen.
Also das heißt, wir dürfen beim Erinnern es auch ins Innere bringen und darüber entscheiden, Worauf wir uns konzentrieren, was wir gestalten. Das heißt, wir dürfen uns die Erlaubnis geben, auch die guten und stärkenden Momente in den Vordergrund zu stellen, ohne dabei die schwierigen und belastenden Phasen völlig auszublenden.
Dass die Beziehung zum Verstorbenen vielleicht schwierig war, bedeutet ja nicht, dass die Trauer kleiner ist, auch wenn das Umfeld manchmal so denken könnte. Zum Beispiel, wenn man geschieden war, sich die Eltern vielleicht auch nicht gut um einen gekümmert haben oder der Kontakt zum eigenen Bruder schon vor seinem Tod abgebrochen ist.
Dann geht es nicht darum, wie diese Beziehung war, ob sie ausschließlich positiv war oder eben konfliktreich vielleicht sogar gewaltvoll, sondern dass eine Beziehung da war, um die auch getrauert werden darf. Oft ist es dann sehr hart, dass sich die Beziehung nicht mehr verändern kann, also dass es keine Klärung gibt, keine Versöhnung, keine Entschuldigung.
Wie kann man damit weitergehen?
Ja, da kann es gut sein, sich auch die Erlaubnis zu geben, um diese verpasste Chance zu trauern. Und darum zu trauern, dass ich vielleicht nicht das bekommen konnte in der Beziehung, was ich eigentlich gebraucht hätte und was mir gutgetan hätte. Und die Auseinandersetzung mit diesen schmerzhaften Phasen und auch Konflikten, die nicht mehr aufgelöst werden können, wo eben keine Versöhnung mehr möglich ist, ist wichtig.
Und da kann es gut sein, einen nachträglichen Weg der Aussprache und der Klärung zu finden. Das könnte zum Beispiel sein, einen Brief zu schreiben und diesen Brief zum Grab zu bringen oder ihn zu verbrennen. Und dann kann sich auch die Möglichkeit eröffnen, für sich selbst etwas daraus mitzunehmen. Worauf möchte ich vielleicht ab jetzt achten? Was ist mir dadurch wichtig geworden?
Es gibt ja den beliebten Trauerkartenspruch, er oder sie lebt in den Erinnerungen weiter. Kann das auch eine Last und Verpflichtung sein oder ist das eher im positiven Sinne etwas, das man für den oder die Verstorbenen tun kann, also ihn oder sie in Erinnerung lebendig zu halten?
Ja, ich finde das durchaus ambivalent, denn für viele Trauernde ist es dieser erfüllende Auftrag. Die Erinnerungsarbeit gibt Sinn und hält auch die Verbindung lebendig. Aber diese gut gemeinten Sätze auf Trauerkarten, die können schon auch Druck erzeugen. Was ist denn, wenn ich vergesse? Was ist, wenn ich den Todestag vielleicht übersehe?
Und was uns auch oft begegnet ist einfach die Sorge: Was ist, wenn ich die Stimme oder das Lachen nicht mehr erinnern kann? Natürlich gibt es heutzutage umfangreiche Möglichkeiten, die Stimme wie jemand gelacht hat, gesprochen hat, zu behalten, als Sprachnachricht als Handyvideo, das man sich auch immer wieder ansehen kann.
Es gibt auch digitale Erinnerungsräume. Und zugleich verändert sich das eigene Leben. Es gibt neue Beziehungen, Kinder, andere Prioritäten. Und dann kann es auch mal sein, dass man einen bedeutungsvollen Tag vergisst. Wichtig ist dabei, niemand ist verpflichtet diese Erinnerungen ständig präsent zu halten.
Da darf man auch liebevoll nachsichtig und großzügig mit sich selbst sein.
Du hast es gerade gesagt, es ist eine riesige Angst, von trauernden Erinnerungen zu verlieren. Nach vielen Jahren als Trauerbegleiterin und auch als Mensch mit eigener Verlusterfahrung was meinst du, wie ist deine Erfahrung? Vergisst man tatsächlich irgendwann?
Ja, ich denke, das ist die Sorge, die ganz, ganz viele Trauernde am Anfang haben. Und das ist dann vielleicht auch die Motivation anfangs vieles aufzuschreiben und festhalten zu wollen. Und tatsächlich geraten gewisse Aspekte in den Hintergrund und sind irgendwann nicht mehr so präsent Also da fällt mir vor allem so als erstes die Stimme ein, dass man nach einer gewissen Zeit nicht mehr genau weiß, wie klang die Stimme Und natürlich kann man sich das immer wieder herholen Es gibt diese Möglichkeiten.
Und auf der anderen Seite ist es vielleicht auch so, dass es ein natürlicher Weg ist, dass nicht mehr so detailreich erinnert wird, sondern eher umfassender erinnert wird.
Das heißt, dass diese Details und diese ganzen Einzelheiten, an denen man sich anfangs so festklammert, vielleicht auch weniger wichtig werden?
Ja, dass sie ein bisschen zurücktreten und was anderes dafür kommt. Und das kann dann wie so ein Gefühl vielleicht für die Seele oder das Wesen des Menschen sein. Und die ist aber nicht davon abhängig wie detailreich sind einzelne Erinnerungen.
Und kann wahrscheinlich auch genau diese Kraft geben, von der du anfangs gesprochen hast, die mit Erinnerungen einhergeht.
Ja, genau. Wie ist das, wenn man von vornherein nur wenige oder gar keine eigenen Erinnerungen hat, zum Beispiel weil der Verlust in der frühen Kindheit liegt? Ja, da kann ich vielleicht auch ein bisschen aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Meine Geschwister und ich, wir waren damals sehr jung, als unsere Mutter gestorben ist und hatten somit kaum eigene Erinnerungen an sie.
Wir haben es dann nahezu aufgesaugt, wenn Verwandte oder Freunde, die unsere Mutter kannten, etwas über sie erzählt haben. Wenn sie zum Beispiel gesagt haben, ach, in dem und dem bist du der Mama total ähnlich, da sehe ich sie wieder, da erkenne ich sie. Und das war damals für uns sehr wichtig. Und uns kam irgendwann diese Idee, anlässlich ihres Todestages Familie und Freunde anzuschreiben Und ihnen Fragen zu stellen.
Zurück kamen sehr unterschiedliche Erinnerungen und Schilderungen. Und über die Worte, die uns dann erreicht haben über unsere Mutter und die die einzelnen Begegnungen und Erinnerungen mit ihr beschrieben haben, wurde sie auch wieder spürbar für uns. Aus so vielen kleinen Puzzleteilen entstand dann ein Bild, das uns heute sehr viel bedeutet.
Und ich denke, Kinder sind ganz besonders auf die Erwachsenen angewiesen. Dass die Erwachsenen diese Erinnerungsstücke aufbewahren und die Erinnerungen zusammentragen und festhalten, so dass sie dann auch, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dass die Kinder fragen, wer war denn der, die Verstorbene, wer war denn meine Mama, mein Papa, dass sie dann auch Antworten bekommen können und sie eine Ahnung davon bekommen, was die Persönlichkeit ausgemacht hat, welche Erfahrungen ihre Mutter, ihr Vater gemacht hat, welche Wertvorstellungen und Prägungen sie denn ausgemacht haben.
Und ich denke, das ist sehr wichtig für die Entwicklung der eigenen Identität.
Oft gibt es im Umfeld die große Sorge mit Erzählungen Wunden aufzureißen und dann wird der oder die Verstorbene eher verschwiegen. Wäre es für Trauernde wichtig, Erinnerungen mit anderen teilen zu können?
Ja, das erlebe ich immer wieder, dass Trauernde uns das so spiegeln. Denn durch das Erzählen werden ja die Erinnerungen lebendig. Und viele Trauernde haben das Bedürfnis, dem der Verstorbenen wirklich auch einen Platz zu geben. Und dabei müssen es nicht nur die besonderen großen Momente sein, sondern Trauernde wünschen sich, dass es ganz selbstverständlich sein darf, dass sie was erzählen über den verstorbenen Menschen.
Das kann ganz beiläufig sein. Ach, meine Mama hat das immer so und so gekocht. Oder hier war ich immer mit meinem Partner zusammen. Und wenn das eigene Umfeld diese geteilten Erinnerungen so tragen kann und nicht verschreckt und erstarrt oder vielleicht sogar wortlos reagiert, Dann erleben das viele Trauernde als sehr unterstützend für ihren eigenen Trauerprozess, weil dann auch so das Gefühl und die Sicherheit entstehen kann, dass der geliebte Mensch noch da sein darf. Indem ich von ihm erzähle, darf er noch da sein und seinen Platz haben.
Danke Sophia für deine auch sehr persönlichen Erfahrungen. Wir haben jetzt einiges darüber gehört, warum Erinnerungen so eine große Bedeutung haben in der Trauer. Und jetzt hast du für uns eine konkrete Idee, wie man ihnen eine schöne Form geben kann.
Wir haben ja schon über ein paar Möglichkeiten gesprochen, dass zum Beispiel das Gestalten eines Fotoalbums schön sein kann für Trauernde oder eine eigene Collage, genauso wie vielleicht auch eine Playlist zu erstellen mit Liedern, die einen verbinden mit dem der Verstorbenen oder die er oder sie einfach gerne gehört hat.
Und was ich mitbringe, ist die Idee, ein Erinnerungsglas zu gestalten. Dafür sucht man sich ein schönes gerne ein größeres Glas aus, das man auch von außen gestalten und beschriften kann. Und dann kann man es innen mit Erinnerungsstücken füllen. Das können ganz kleine Gegenstände sein, das können Fotos sein, auch Briefe oder ein eigenes Heft mit den aufgeschriebenen Erinnerungen.
Und dann kann man, wenn man möchte, auch noch eine Lichterkette mit hineingeben, die das Glas dann zum Leuchten bringen kann. Die Idee dahinter ist, dass die Erinnerungen dadurch einen festen Ort bekommen. Das heißt, sie sind sicher aufbewahrt und die können jederzeit herausgeholt werden. Das Glas kann aber genauso gut auch einfach mal für längere Zeit im Schrank stehen.
Und das Schöne ist ja, es kann sich weiter verändern, oder?
Ja, genau. Es können Dinge noch hineingegeben werden und auch wieder hinausgegeben werden. Es darf einen einfach begleiten dieses Glas, genauso wie sich auch die Beziehung zum Verstorbenen weiter gestalten darf.
Danke Sophia. Zum Abschluss darfst du wie jeder Gast, jede Gästin in diesem Podcast, eine Karte mit einer Impulsfrage ziehen und uns sagen, was dir dazu spontan einfällt. Und alle Hörerinnen und Hörer dürfen natürlich gerne überlegen, was die eigene Antwort wäre. Sophia, welche ist deine hier?
Diese hier. Auf welche Weise erholst du dich am besten? Ich erhole mich am besten im Wald, wenn ich draußen bin. Und an der frischen Luft und in Bewegung sein kann.
Danke Sophia, dass du heute so offen über die Bedeutung von Erinnerungen gesprochen hast, über das Schöne, das Tröstliche, aber auch das Schwere, das manchmal kaum auszuhalten ist. Und danke euch, die ihr gerade zuhört fürs Mitdenken und Mitfühlen bei diesem Thema. Vielleicht nehmt ihr aus dieser Folge mit, dass es kein richtiges Erinnern gibt und dass Erinnerungen nicht geordnet sein müssen, um wertvoll zu sein. Dass ihr nicht verpflichtet seid, euch jetzt mit ihnen auseinanderzusetzen oder alles festzuhalten.
Sondern dass ihr allein bestimmt, in welchem Tempo ihr euch ihnen nähert. Wenn ihr eure Erfahrungen mit uns teilen mögt, schreibt uns gerne auf Instagram oder per Mail an post@nicolaidis-youngwings.de. In der nächsten Folge von Weiterleben, Weiterlieben geht es um Einsamkeit. Um diese erdrückende Leere im eigenen Leben nach einem Verlust Ich spreche mit meiner Kollegin Alice Werle darüber, wie man damit umgehen kann, wenn man scheinbar in ein anderes Universum katapultiert wird und sich von den anderen Menschen Lichtjahre entfernt fühlt.
Wir freuen uns, wenn ihr wieder dabei seid. Bis dahin passt gut auf euch auf.