Einsamkeit | In sich und anderen Geborgenheit finden

Shownotes

Einsamkeit entsteht nach einem Verlust, weil etwas fehlt, dass durch nichts und niemanden ersetzt werden kann: eine besondere Verbindung, ein einmaliges Wir. Sie zeigt sich nicht nur in den großen Fragen, den besonderen Tagen oder der fehlenden Zukunftsidee, sondern auch in den unzähligen alltäglichen Momenten, die man nicht mehr wie selbstverständlich gemeinsam erleben und besprechen kann. Warum tut das so weh, wie unterscheidet sich Einsamkeit von Alleinsein und was kann helfen, mit diesem schweren Gefühl umzugehen?

Gastgeberin Lisa und Trauerbegleiterin Alice Werle betrachten in dieser Folge von "Weiterleben Weiterlieben" die vielen Facetten von Einsamkeit in der Trauer. Sie sprechen darüber, warum sich Trauernde manchmal in Gegenwart von anderen Menschen noch einsamer fühlen als allein, wie sich Einsamkeit mit der Zeit verändert und mit welchen Strategien man ihr begegnen kann. Impuls für euch: eine Übung zur Selbstumarmung, um sich selbst ein bisschen mehr Halt und Geborgenheit zu geben.

MEHR ZUM THEMA

Ein lesenwerter Roman über das Weiterleben mit Verlust und Einsamkeit: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

WER WIR SIND

Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit vielen Jahren junge Menschen in einer der schwersten Phasen ihres Lebens – in der Trauer um einen geliebten Menschen. Wir wissen, wovon wir reden, auf professioneller Ebene und aus eigener Erfahrung.

Gastgeberin Lisa arbeitet als systemische Beraterin bei der Stiftung, außerdem ist sie Wissenschaftsjournalistin bei Nerdpol. Zu Gast in dieser Folge ist die Familientrauerbegleiterin Alice Werle. Sie unterstützt junge Trauernde in Einzelgesprächen und Trauergruppen.

GUT ZU WISSEN

🖤 Wir sind für junge Trauernde da: www.nicolaidis-youngwings.de/angebote

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IM HINTERGRUND

Redaktion: Sonja Schwalb

Technik & Sound: Henning Hoffmann-Heyden

Förderung: Dieser Podcast wird gefördert durch die Landeshauptstadt München – Münchner Sozialstiftung

Transkript anzeigen

 Weiterleben, weiterlieben. Der Podcast für junge Trauernde.

Einsamkeit ist meistens leise, auch in der Trauer. Sie schreit nicht, sie drängt sich nicht auf, sie macht keinen Lärm. Stattdessen sitzt sie neben einem auf dem Sofa, wenn es draußen dunkel wird. Sie ist da, wenn man unter Leuten ist und sich doch nicht zugehörig fühlt. Sie zeigt sich in Momenten, in denen man etwas ganz Alltägliches Banales erzählen will und der Mensch nicht mehr da ist, bei dem das ganz selbstverständlich geht.

Einsamkeit entsteht nach einem Verlust, weil etwas fehlt, das durch nichts und niemanden ersetzt werden kann. Eine besondere Verbindung, ein gemeinsames einmaliges Wir. Manchmal fühlt sie sich an wie ein innerer Abstand zur Welt. Manchmal wie ein stiller leerer Raum, in dem man ganz verloren ist. Warum Einsamkeit in der Trauer nicht immer etwas mit Alleinsein zu tun hat und wie man ihr begegnet, darum geht es in dieser Folge von Weiterleben, Weiterlieben.

Ich bin Lisa, Journalistin Trauerbegleiterin und systemische Beraterin bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung. Bei mir zu Gast ist heute meine Kollegin Alice Werle. Sie arbeitete lange als Führungskraft in der Wirtschaft, seit inzwischen vier Jahren unterstützt sie als ausgebildete Familientrauerbegleiterin bei der Stiftung junge Trauernde in Einzelgesprächen und in Gruppen.

Wir sprechen darüber, wie sich Einsamkeit in der Trauer zeigt, warum sie so weh tut, und was helfen kann, mit ihr umzugehen. Hallo Alice, schön, dass du da bist.

Hallo Lisa, vielen Dank für die Einladung.

Alice, du wirst ahnen, was meine erste Frage an dich ist. Was hast du über Trauer gelernt?

Ja, ich habe natürlich auch über Trauer sehr viel gelernt, aber vor allem, dass mein eigenes Leben durch die Trauer und den Verlust meines Mannes nicht vorbei ist und dass ich auch gut weiterleben darf und kann, auch wenn das zu Beginn natürlich unglaublich irreal erschien.

Und im Rückblick muss man wirklich sagen, das versteht man am Anfang nicht, aber das lernt man dann im Rückblick, dass Trauer einen als Mensch auch verändert und durchaus auch sehr positiv.

Wir wollen uns heute ja mit Einsamkeit in der Trauer beschäftigen, einem ganz tiefen und existenziellen Gefühl oder vielleicht sogar Zustand. Wie erleben und beschreiben das die trauernden Menschen, die du begleitest?

Ja, die Trauernden verwenden viele ähnliche Worte und Sätze. Was wir ganz häufig hören, ist, die Welt geht weiter, aber meine steht still. Niemand versteht, wie es sich anfühlt. Ein Teil von mir ist gestorben beziehungsweise auch mit verschwunden.

Ich fühle mich isoliert nicht mehr dazugehörig. Oder auch, unsere Identität als Paar ist weg und ich weiß gar nicht, wer ich als einzelne Person bin. Es kommt aber auch so vor, dass Menschen das noch gar nicht richtig benennen können, gerade am Anfang. Es ist einfach so ein gesamtheitliches Gefühl der Trauer.

Und dieses Einsamkeitsgefühl kommt dann erst im Laufe der Zeit in den Trauerbegleitungen immer mehr auf.

Oft wird Einsamkeit ja mit Alleinsein gleichgesetzt. Manche Trauernden fühlen sich aber sogar einsamer, wenn sie unter Leuten sind oder von einem Treffen mit Freunden nach Hause gehen. Was ist deine Erfahrung, warum ist das so?

Du hast es schon in der Einleitung genauso gesagt, ja, Einsamkeit bedeutet eben nicht allein sein und es ist auch das, was viele Trauernde am meisten überrascht man glaubt es tut Wut in Gesellschaft zu sein und plötzlich ist da zwischen den Menschen diese leere dieses nicht Zugehörigkeitsgefühl und wo man doch eigentlich immer gerne war.

Und natürlich kann ich deine Freundin anrufen, aber es ist nicht dasselbe. Und es sind oft die alltäglichen Dinge, wo die Einsamkeit so groß und überwältigend ist. Beispiele, komme ich abends heim von der Arbeit und es ist eben niemand da. Oder ich gehe abends allein ins Bett. Ich wache nachts auf und spüre die Abwesenheit so.

Ich trinke meinen ersten Kaffee am Morgen und bin alleine. Oder wenn ich beide Kinder beispielsweise morgens allein gleichzeitig versorgen muss, ein Kind wird krank oder ich werde krank wer kümmert sich denn um mich? Das sind alles so Fragen, die eher die Einsamkeit als das Alleinsein betreffen vom Gefühl her.

Das, was du gerade beschrieben hast, das sind ja eher alltägliche Situationen Ist das sehr individuell und unterschiedlich in welchen Situationen Einsamkeit besonders spürbar ist?

Oh ja. Definitiv ja jeder trauernde Mensch hat da komplett seine eigenen Triggerpunkte da gibt es auch keine Regel die Menschen fühlen sich oft ohnmächtig, eben weil sie gerade nicht wissen, wohin sie mit diesem starken Gefühl der Einsamkeit sich auch wenden können und das führt natürlich dazu, dass ich mich noch einsamer fühle, weil ich weiß, nicht, wie es ist und wo soll ich denn da noch hingehen damit.

Und dann kommen eben die großen Themen dazu, wo es bei fast allen die Triggerpunkte gibt. Jahrestage, Feste, zu denen man eingeladen wird. Bisher waren wir da immer gemeinsam, egal was es war. Und jetzt werde ich da vielleicht auch. Bewusst alleine eingeladen zu etwas das ist eine neue Situation alle denken ach ist sehr schön, dass ich dabei bin, aber tatsächlich fühle ich mich auch da total einsam, weil da fehlt mir ja dieser Mensch extrem, ja, da fällt es mir auf bisher war ich bei Hochzeiten, Geburtstage, was es auch immer, ist gemeinsam unterwegs und da das erste Mal vielleicht auch alleine und das tut schon sehr weh Und natürlich kommen dann wieder auch die Kleinigkeiten im Alltag dazu.

Irgendwas geht kaputt irgendwas funktioniert nicht mehr. Und dann kommt dieser Frust diese Einsamkeit diese Verzweiflung, all das kommt wieder hoch, denn wer hilft mir denn? Ich kann niemanden rufen, der im Wohnzimmer sitzt. Und das ist schon hart für die Trauernden.

Du hast jetzt ganz viele Situationen Anlässe gesagt, bei denen die Einsamkeit ganz spürbar ist. Wenn man eine Ebene tiefer schaut, was würdest du sagen, ist der Kern dieser Einsamkeit was fehlt da, was nur der verstorbene Mensch geben konnte Es ist ja wahrscheinlich nicht nur die Hand, die hilft.

Also man spricht tatsächlich von verschiedenen Ebenen der Einsamkeit. Das eine ist die Beziehungseinsamkeit, weil diese wichtigste Bindung dann einfach weg ist.

Man spricht von einer Alltagseinsamkeit, wo Gemeinsames im Alltag die Routinen einfach nicht mehr da sind. Man spricht auch von einer Identitätseinsamkeit, wenn es um den Partner geht. Wer bin ich denn ohne ihn oder ohne sie, wie kann ich denn als einzelne Person weiter sein, wie, wo, was, diese ganzen großen Fragen kommen da alle auf und deswegen sagt man auch oft, es geht um eine existenzielle Einsamkeit.

Weil der Verlust ist von niemand anders im Außen so zu fassen wie von mir selbst, wenn ich eben diese Erfahrung gemacht habe. Und dieses permanente Füreinander-Dasein gerade in einer Beziehung mit Lebenspartner, egal ob räumlich oder zeitlich ist etwas sehr Besonderes im Sinne von, da war ein Vertrauen da.

Da haben wir alles geteilt, da war jemand, mit dem ich alles besprechen konnte, alle Probleme lösen konnte, alles Schöne teilen konnte und das ist alles weg. Und das ist so der Kern dieser Einsamkeit, was es so besonders macht. Und wenn ich trauernde frage was ihnen denn am meisten fehlt, so auch über den Tag hinweg, dann ist es tatsächlich der Austausch Dieses nicht mehr teilen können, wie war mein Tag, wie geht es mir gerade Und vielleicht noch ein anderer Aspekt, der vielleicht im Moment gerade ganz gut reinpasst.

Einsamkeit ist auch oft ein Zeichen von Liebe und Bindung. Also auch was Schönes. Und deswegen darf Einsamkeit auch sein, denn ich liebe weiterhin, aber die Bindung fehlt eben.

In den Trauergruppen und Beratungsgesprächen erzählen die Betroffenen oft, dass ihr Umfeld das Gefühl schwer nachvollziehen kann. Was glaubst du verstehen der Freundeskreis und die Familie nicht an dieser Einsamkeit?

Die Menschen im Umfeld verstehen oft nicht den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein also das, was wir am Anfang auch schon hatten. Die Menschen sind total wichtig, die darf man nicht weg reden die sind wichtig, die sind hilfreich, sie helfen, dass es nicht noch schwerer ist in der Trauer sie unterstützen, aber sie sind kein 1 zu 1 Ersatz, sie können die Lücke nicht schließen.

Durch das Angebot das sie machen können. Sie können helfen im Alltag im Leben, zeitlich was auch immer sie unterstützen können, aber sie können nicht den Menschen ersetzen. Und manchmal ist es so, dass dadurch Freunde und Familien auch wieder zurückgedrängt werden, weil sie das Gefühl haben, Sie kommen gar nicht an mit dem, was sie geben können.

Und die trauernde Person kann aber auch nicht gut ausdrücken, was sie braucht. Und daraus entsteht dann oft so ein Missverständnis. Der eine zieht sich zurück, der andere traut sich, kein Angebot mehr zu machen. Und deswegen, wenn das Umfeld besser versteht, dass es nicht darum geht, nur nicht alleine zu sein, sondern dass man sich da auch einsam fühlen kann.

Dann wäre vielen geholfen glaube ich.

Das heißt, es wäre wichtig, dass es mehr ein Verständnis dafür gibt, dass Einsamkeit auch einfach sein darf und nicht genommen werden kann? Würde das helfen?

Oh ja, auf jeden Fall. Wenn einfach klar wäre, die Person ist zwar dankbar dafür, dass ich gerade was für sie mache und auch für sie da bin und die Person damit auch nicht alleine ist, aber zu akzeptieren, dass die Person trotzdem sich einsam fühlt, weil der Mensch so unglaublich fehlt.

Viele Trauernde entwickeln Strategien um mit genau diesem Gefühl von tiefer, wie du es gesagt hast auch existenzieller Einsamkeit umzugehen. Welche Strategien begegnen dir besonders häufig in der Arbeit?

Es gibt viele Trauernde, die suchen sich instinktiv Ansprechpartner. Also Menschen, mit denen sie täglich kommunizieren.

Das kann sein, ich rufe jeden Abend bei meiner Mutter an oder bei meiner Freundin oder bei meiner Schwester Egal, um einfach ein bisschen Alltag Routinen dann auch teilen zu können. Es gibt andere, die melden sich morgens und abends per WhatsApp bei jemand, um einfach zu zeigen, ich bin noch da und jemand weiß auch, dass ich noch lebe.

Und es gibt andere, die sagen, das brauche ich nicht, aber ich muss irgendwie mich meinem verstorbenen Menschen nahe fühlen und fange dann damit an, Tagebuch zu schreiben für sich, für den Verstorbenen, um da einfach so eine innere Bindung aufzubauen und sich damit nicht einsam zu fühlen, weil ich bin da in Erinnerungen, ich bin mit Liebe verbunden und es tut total gut, auch wenn da vielleicht viele Tränen fließen, aber da fühle ich mich weniger einsam.

Und sobald Trauernde dann über Ressourcen verfügen, also mehr als nur diese Trauer auszuhalten irgendwie, kommen sie auch schnell drauf, dass andere Trauernde helfen. Also Gleichgesinnte sich suchen, in Trauergruppen über andere Möglichkeiten wie im Internet nach irgendwas suchen, nach Foren egal wo es ist, egal ob die Menschen vor Ort sind, ob ich die nur digital zur Verfügung habe.

Aber diese Verbindung, eine neue Verbindung zu Menschen zu finden, denen es ähnlich geht wie mir, führt dazu, dass ich mich nicht mehr so einsam fühle.

Du hast selbst vor einigen Jahren deinen Mann verloren, Alice. Wie war Einsamkeit für dich damals spürbar und welche Strategien hast du gewählt?

Ja, ich musste auch erstmal ausprobieren was geht und was geht nicht.

Am meisten spürbar war die Trauer schon am Abend nach der Arbeit, an den Wochenenden. Und zu Beginn war ich dann auch viel mit Freunden Paaren oder Familien auch unterwegs und dachte, das ist gut. Ich habe dann aber gemerkt, das ist mir zu viel, es sind zu viele Menschen auf einmal und bin dann eher auf dieses 1 zu 1 Setting gegangen, das heißt nur einzelne Menschen, die mit mir zusammen waren oder ich mit ihnen und ich hatte da einfach das Gefühl, ich habe ein besseres Gefühl für mich.

Aber auch einen besseren Fokus auf das, um was es geht. Und aus dem Impuls heraus habe ich mir auch wirklich Trauerbuddies gesucht, Trauerfreunde über Foren über Gruppen auch die Stiftung hat da vermittelt. Also das war wirklich gut und das hat mir sehr geholfen. Wie ich die Einsamkeit sehr wahrgenommen habe am Anfang, was auch eine Strategie war, Ich brauchte die komplette Stille zu Hause und auch im Auto.

Also es lief kein Radio, es lief kein Podcast, keine Musik. Ich musste diese komplette Stille haben, die ja eigentlich die Einsamkeit vergrößert, aber ich musste das wissen, dass es einfach so ist, wie es ist. Und irgendwann war plötzlich mal wieder ein Radio an, ohne dass mir bewusst war, warum. Fand ich total spannend damals.

Hast du gemerkt, jetzt ist was in Bewegung, jetzt verändert sich langsam was?

Als ich das gemerkt habe, dass das Radio an war, habe ich gedacht, huch, was ist denn jetzt los? Und dann fängt man natürlich an nachzudenken, warum? Und es war schon so ein Gefühl von, es geht wieder, das ist gut.

Manchmal vielleicht kennst du das auch, entsteht ja mit der Zeit so ein ambivalentes Gefühl. Einerseits so eine Art Stolz, dass man vieles alleine schafft, dass man unabhängig ist. Andererseits eine riesige Sehnsucht nach dem oder der Verstorbenen und nach einer tiefen Verbundenheit. Erlebst du diese Ambivalenz auch oft in deiner Begleitung? Kennst du sie vielleicht auch selbst?

Ja das kenn ich schon, viel liegt in den Menschen selbst, wie sie das empfinden und auch damit umgehen. Wer war ich denn in meinem bisherigen leben also war ich zum Beispiel mein ganzes Erwachsenenleben mit dieser Person zusammen oder hatte ich Phasen wo ich sehr gut mit mir alleine auch klar gekommen bin.

Dann habe ich natürlich da einen Erfahrungsschatz, der sehr in mir vergraben ist, den ich wieder hochholen muss. Wenn ich es noch nie erfahren habe, wie es ist, allein Dinge bewältigen zu müssen, dann muss ich das komplett neu lernen. Das ist nicht schlimm und es gehört auch dazu. Und beide Wege sind auch Erfahrungswege und es entsteht Stolz.

Aber der stolz entsteht auch über schmerz und Verzweiflung und ich hätte gern den Menschen wieder da, weil warum bist du jetzt nicht da das hast du bisher immer gemacht, wenn irgendwie was kaputt geht, wenn was zu reparieren ist ein Formular, das ich nicht finde, das sind die Momente, wo man dann so denkt, wie soll ich das jemals bewältigen und irgendwie kriegt man es ja trotzdem hin.

Und es sind so ganz kleine positive Momente, die am Anfang noch nicht wirken aber je mehr dazukommen, umso mehr wirkt es. Und bei der nächsten Glühbirne die kaputt geht. Bin ich schon weniger angespannt und verzweifelt. Und das ist so ein leichter und kleiner Prozess, der sich einfach über die Zeit entwickelt.

Und es ist nicht leicht, aber es ist wichtig, denn daraus entsteht auch ein Selbstwertgefühl. Ich kann etwas und ich kann auch etwas alleine. Und es ist klar, dass ich es nie alleine lernen wollte oder machen wollte, aber am Ende kriege ich es hin und es führt mich in eine Eigenständigkeit Die mir einen Weg in ein neues Leben einfach bereitet und es ist total wertvoll.

Bei dem, was du erzählt hast, klingt ja jetzt schon durch, dass Einsamkeit in der Trauer nichts festgeschriebenes starres ist. Wie verändert sie sich mit der Zeit?

In der ersten Zeit, meist nach dem Schock. Wird diese Einsamkeit durch die Erkenntnis der Realität wirklich omnipräsent Es hämmert im Kopf bei vielen.

Ich bin allein, ich bin allein, er ist nicht da, er kommt nie wieder. Nie wieder ist sowas nie mehr, was immer wieder so in einem drin ist. Und diese Leere, diese Sehnsucht, dieses Niemand versteht mich, ist da sehr, sehr typisch. Aber wir Menschen, wir sind halt anpassungsfähig und das ist gut so. Das heißt, wenn ich eben immer wieder etwas neu alleine machen muss, ich lerne damit klarzukommen.

Und diese Einsamkeit bleibt zwar, aber sie bestimmt nicht mehr mein ganzes Leben, meinen ganzen Alltag. Ich lerne es sukzessive damit, klarzukommen. Und klarzukommen, heißt jetzt nicht, dass er mir nicht mehr fehlt, der Mensch, sondern klarkommen heißt einfach, ich kann diese Erinnerung besser für mich haben.

Ich kann eher, wenn ich sehr einsam bin, in diese Erinnerung reingehen und mir daraus dann etwas Gutes aufbauen. Es wird immer so sein, dass auch ... Trotzdem noch in gewissen Situationen großen wie kleinen die Einsamkeit extrem spürbar ist, aber es ist nicht mehr so, dass sie komplett gleich durchläuft es wird mal mehr es wird mal weniger aber es ist besser auszuhalten es auszuhalten

Danke Alice für deine Erfahrungen schon mal.

Nun kann man Einsamkeit ja nicht einfach in Anführungszeichen wegmachen, sondern es geht eher darum, einen Umgang zu finden und langsam eine Veränderung zu ermöglichen Und dafür hast du uns ein paar Ideen mitgebracht.

Das könnt ihr tun.

Wie immer ist alles sehr individuell. Es gibt Menschen, die brauchen diesen bisherigen Alltag, die bisherigen Routinen einfach weiter.

Die brauchen es genauso weiterzumachen und dann ist es okay. Und es gibt die Menschen, die genau das nicht tun können. Alles, was bisher gut war, weil sie es gemeinsam gemacht haben, geht nicht mehr. Die wehren sich da dagegen es tut nur weh, das heißt das ist für sie keine alternative und deswegen raten wir dazu ganz viel ins Ausprobieren und ins Reinspüren zu gehen also was hat bisher gut getan was funktioniert Weitermachen.

Wenn es das nicht war, damit stoppen, sich überlegen, was könnte es doch sein. Natürlich kommen wir immer auf Sport zu sprechen. Sport ist immer eine große Ressource, wenn man denn kann. Und auch da zu schauen, was ist es denn? Es gibt andere Dinge, andere Hobbys, irgendetwas womit ich neben meinem Alltag und meine Routinen etwas für mich tun kann.

Ich war vielleicht noch nie spazieren mit Podcasts auf den Ohren, um mich nicht so allein zu fühlen und einsam zu fühlen probiert's aus vielleicht funktioniert's vielleicht funktioniert's nicht ich fang an mit malen oder stricken, was ich mir noch nie vorstellen konnte, okay wenn's nix ist leg ich die Sachen wieder in die Ecke fang malen stricken Mein Partner, meine Partnerin hat immer gerne gekocht Vielleicht probiere ich mal andere Gerichte, um nicht zu sehr in diesen Schmerz reinzukommen.

Oder genau das Lieblingsgericht, was ich mit meiner Familie mal wieder zubereite. Also es gibt ganz viele Möglichkeiten und vielleicht gibt es auch Dinge, die ich schon lange Mal machen wollte, aber nie in das gemeinsame Leben gepasst haben. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sowas zu tun, eine neue Sprache lernen oder ein ganz anderes Thema auch beruflich einzuschlagen oder, oder.

Also es gibt wirklich viele Möglichkeiten. Und was in diesem Zusammenhang helfen mag, ist sich auch Ziele zu setzen. Also das nicht so zu sagen, ich fange es jetzt mal an, sondern sich bewusst zu machen. Was möchte ich erreichen? Denn man fühlt sich ja so ziel- und sinnlos und es kann sein, dass es darüber hilft.

Also, ich möchte über Pilates ein besseres Körpergefühl bekommen. Ich möchte 10 Kilometer unter einer Stunde laufen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, eine Alpenüberquerung zu machen, weil das der Wunsch meines Partners immer war. Oder ich will so gern mal nach Andalusien allein in den Urlaub, aber das mache ich erst, wenn ich Spanisch gut kann. Also solche Dinge einfach mal zu gucken, was es sein könnte. Und es können auch ganz kleine Dinge sein. Ich mache mir im Garten eine schöne Ecke. Ich suche neue Ausflugsziele mit meinen Kindern. Egal was es ist, das kann helfen.

Ist das hilfreich, weil das genau dieses Selbstwertgefühl füttert, von dem du vorhin gesprochen hast, das ja in der Trauer ganz oft leidet, wo man sich ganz klein fühlt und verloren und schwach und bedürftig?

Ja, auf jeden Fall. Am Anfang kann man natürlich denken, es geht eher um Ablenkung und Beschäftigung an sich, aber es ist mehr, indem ich etwas finde, das ich gerne tue, wo ich auch merke, ich bin vielleicht gut drin und ich schaffe es auch, Ziele zu erreichen kann ich wachsen, innerlich wachsen und dadurch ja auch Glücksgefühle wieder bekommen.

Und das ist total hilfreich, um dieses Einsamkeitsgefühl einfach nicht zu bekämpfen, aber doch ein bisschen kleiner zu machen.

Und gleichzeitig ist es ja auch eine Chance, in Kontakt zu kommen, Menschen kennenzulernen, Gemeinschaften zu finden, oder?

Ja, ein guter Punkt, Lisa. Definitiv ja. Also Menschen entweder über eine neue Tätigkeit, ein Hobby, das ist das eine.

Und das andere ist auch, sich wirklich bewusst zu machen, dass ich neue Beziehungen in meinem Leben möchte. Egal welche Art, dass ich neue Menschen brauche, mit denen ich mich gut verbinden kann. Denn es ist oft ja auch so, dass ein Teil des alten Kreises von Menschen weggebrochen ist durch den Tod. Und dann kann ich mir neue suchen und neue, gute Verbindungen entweder fürs komplette neue Leben finden, vielleicht nur für eine Trauerphase, aber auf jeden Fall so, dass es mir hilft.

Du hast jetzt gerade ganz viele Strategien genannt, die helfen können, das Einsamkeitsgefühl ein bisschen, du hast gesagt, kleiner werden zu lassen, einzudämmen. Gibt es auch was, was ich tun kann, wenn es einfach gerade groß ist und ganz arg ist und ich mich ganz verloren fühle?

Ja, da braucht es natürlich die Dinge, die ich direkt und sofort umsetzen kann und wo ich mich vielleicht auch ein bisschen einigeln kann oder was ich eben in dem Moment brauche.

Und da geht es halt schon um das, was ich auch zu Hause tun kann. Also ist es, ich schaffe mir da einen Wohlfühlbereich mit einer neuen Kuscheldecke als Beispiel oder einer Heizdecke. Total viel Strom braucht und total unvernünftig ist, aber ich hole sie mir eben trotzdem. Oder ich schaffe eine Routine am Morgen oder am Abend mit fünf Minuten nur für mich.

Ob ich da Tee trinke, ob ich da den Vögeln zuschaue, ob ich da fünf Minuten Yoga mache. Jeder braucht was anderes, möchte was anderes. Ob ich mir wirklich vornehme. Ein Kapitel in einem schönen Buch, das überhaupt nichts mit mir zu tun hat und meiner Situation, sondern mich abtauchen lässt in Märchen Fantasy, was auch immer.

All das kann helfen und das ist gut, wenn man solche Routinen findet. Es gibt auch Menschen, die sagen, ich fotografiere morgens. Und abends jeweils die Sonne also Sonnenaufgang, Sonnenuntergang und schaue mir das über das Jahr hinweg an. Ich nehme irgendwelche Impulse wahr und halte die fest für mich.

Egal, jeder muss ein bisschen schauen und ich weiß, das klingt so nach Zusatzaufwand. Aber eigentlich geht es nicht darum, dass es ein Zusatzaufwand sein soll, sondern etwas, was mir gut tut in der jeweiligen Situation. Und je mehr ich das als Routine in meinen Alltag reinbringe, umso mehr kann ich auf diese Ressource, was es dann auch ist, zurückgreifen.

Genau dafür hast du uns ja auch eine Übung mitgebracht, die helfen kann, sich selbst ein bisschen mehr Halt und Geborgenheit zu geben, wenn die Einsamkeit sehr groß ist. Wie genau sieht die aus, Alice?

Ja, man denkt bei einer Übung natürlich immer gleich an etwas Großes was schwierig ist, aber genau das wollte ich heute nicht mitbringen, sondern ich wollte heute etwas mitbringen, wo ich überall gut machen kann, und das ist eine Selbstumarmung.

Und ich lade euch und auch Lisa ein, vielleicht magst du einfach mal mitmachen auch gleich und dann mal schauen, wie es auf dich auch wirkt. Setzt euch einfach mal bequem hin oder wenn ihr gerade irgendwo unterwegs seid, wo ihr steht, liegt. Egal wo es ist ihr könnt es machen versuche ruhig ein und auszuatmen und jetzt nimmt deine eigenen arme und legt sie um deinen Oberkörper halte dich selbst, und zwar fest oder leicht so wie es dir guttut, wie du magst, spür rein in diese Berührung

Und wenn du magst, streiche langsam über deine Arme.

Halte deine eigene Umarmung für eine Minute oder so lange wie du es für dich aushältst und es dir guttut. Sprich es darf auch länger sein und wenn es nicht geht, dann ist es eben kürzer tatsächlich ist das die ganze Übung ja und was dabei in dir drin passiert ist, dass eine lange Umarmung die Herzfrequenz reduzieren kann, die Angst reduzieren kann und auch emotionale Sicherheit geben kann Ich weiß nicht, ob es direkt bei dir auch spürbar war, Lisa, aber das ist etwas, was wir wissen, dass es so funktioniert.

Und warum? Denn bei einer Umarmung wird der sogenannte Vagusnerv aktiviert. Der Körper schaltet dadurch auf einen Sicher- und Entspannen-Modus und gibt diese Meldung ans Gehirn Das Gehirn wiederum sagt, ich bin sicher und schüttet dann Oxytocin aus. Und dadurch fühlt man sich geborgener.

Sehr spannend, dass man sich das auch selbst geben kann. Mir war das bewusst in Bezug auf andere Menschen, aber was ich gerade beim Mitmachen gemerkt habe, ich habe auch... Ich habe sofort mehr Gefühl für meinen eigenen Körper gehabt. Ich habe gemerkt, wie unentspannt die Schultern gerade sind. Also es ist auch so ein Weg, ein bisschen mehr ins Fühlen für sich selber zu gehen, oder?

Ja, total. Und ein Vater in einer Trauergruppe hat etwas Spannendes erzählt. Der hat gesagt, ich umarme meine kleinen Kinder so lange. Bis die sich aus dieser Umarmung wieder befreien. Weil dann weiß ich, jetzt haben sie genügend sich gefühlt für sich gehabt und können wieder raus. Fand ich total schön.

Und das könnte man genauso auch mit sich selbst machen.

Ja. Weil das eben auch für einen selber so funktioniert. Es ist nicht nur der Impuls von außen der Körperkontakt Diese Umarmung funktioniert auch für einen selbst.

Danke Alice, eine total schöne Übung.

Zum Abschluss wollen wir natürlich wieder unser kleines Ritual machen, Alice. Du darfst eine dieser Impulskarten ziehen und beantworten und alle Menschen, die zuhören, dürfen natürlich auch für sich gerne überlegen, was die eigene Antwort wäre. Bitte sehr.

Soll ich sie vorlesen?

Ja gerne.

Oh, ein unerwarteter freier Tag. Wie möchtest du ihn verbringen? Ja, wenn so ein unerwarteter freier Tag ist bei schönem Wetter wie heute, dann würde ich super gerne in die Berge gehen und auf irgendeinem Gipfel stehen und einfach die Welt betrachten und die schöne Natur. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Das würde ich gern machen.

Danke Alice für dieses schöne Bild und danke auch für deine Offenheit deine Erfahrungen deine Gedanken und danke euch da draußen fürs Zuhören. Mit dieser Folge wollten wir euch gerne mitgeben, dass Einsamkeit eine ganz angemessene normale Reaktion ist, wenn ein wichtiger Mensch gestorben ist.

Weil etwas aus dem Leben gerissen wurde, das wahnsinnig wertvoll war. Weil sich die Lücke nicht einfach so füllen lässt und weil auch eine bleibende Verbundenheit über den Tod hinaus nicht darüber wegtrösten kann, dass dieser Mensch als physisches, greifbares Gegenüber total fehlt. Trotzdem darf sich das Einsamkeitsgefühl mit der Zeit verändern, indem wir uns selbst mehr und mehr ein Zuhause sind, in dem neue Beziehungen entstehen und die alte Verbindung weiter Halt geben darf.

Wenn ihr Fragen habt oder eure Erfahrungen mit uns teilen möchtet, schreibt uns gerne auf Instagram oder per Mail an post@nicolaidis-youngwings.de In der nächsten Folge sprechen wir über die besonderen Tage, die es in der Trauer zu überstehen gilt. Geburtstage, Jahrestage, Todestage. Meine Kollegin Caroline Deidenbach teilt ihre Erfahrungen und gibt Ideen mit, wie man diese Tage gut für sich gestalten Wir freuen uns, wenn ihr wieder dabei seid.

Bis dahin passt gut auf euch auf.